Sternzeit 45854,2: In der Angolis Sternengruppe empfängt die Enterprise das Notsignal eines abgestürzten Borg Erkundungsschiffes. Nur eine der an Bord befindlichen Drohnen hat verletzt überlebt und wird von Dr. Crusher und Geordi wieder gesund gepflegt. Captain Picard will die Gelegenheit nutzen das Borg Kollektiv ein für alle mal zu vernichten, indem er die Drohne nutzt, um ein zerstörerisches Programm einzuschleusen. Blind für die Rachegefühle, welche ihm antreiben, nachdem die Borg ihm einst so schlimmes Leid zufügten, erkennt erst als es fast schon zu spät ist, wie unethisch sein Verhalten tatsächlich ist…
Man sollte annehmen, dass der in Star Trek porträtierte Advanced Human solche primitive Emotionen wie das Bedürfnis nach Rache eigentlich längst hinter sich gelassen hat. Schon seit den Tagen der Originalserie wurde immer und immer wieder betont, dass der Mensch all jene selbstzerstörerischen Gefühle wie die Gier nach Macht und Einfluss, welche sein eigenes Überleben so oft gefährdet haben, überwand, nachdem er mit intelligenteren Spezies im All in Kontakt trat. Doch ausgerechnet für das Rachegefühl, wohl das archaischste aller menschlichen Emotionen scheint, wie es Captain Picard in der Folge Ich bin Hugh aus der fünften Staffel selbst lernen muss, noch tief seiner DNA festgeschrieben zu sein, so tief, dass sogar eine gebildete und vermeintlich kultivierte Führungspersönlichkeit wie er nicht dagegen immun ist.
Doch wie kann das sein, dass der Wunsch nach Rache für erlittenes Unrecht ein Gefühl ist, welches nur den Menschen allein zu eigen ist? Sollte es nicht vielmehr so sein, dass es gerade deshalb durch den Einsatz unseres menschlichen Verstandes eigentlich relativ leicht sein müsste das Bedürfnis zu überwinden es einem Gegner heimzuzahlen?
Das Gegenteil ist der Fall: Wenn man sich die Geschichte von Star Trek ansieht, erkennt man recht schnell, dass sich das Motiv der Vergeltung bei sehr vielen Antagonisten wie ein roter Faden durch alle Erscheinungsformen des Franchise zieht. Immer und immer wieder haben wir es mit Individuen zu tun, deren einzige Triebfeder der Wunsch nach danach ist, sei es bei Khan Noonien Singh, der sich an Captain Kirk dafür rächen will für viele Jahre auf einer lebensfeindlichen Welt ausgesetzt worden zu sein oder auch Kirk selbst, der in Star Trek VI: Das unentdeckte Land noch immer einen tiefen Groll gegenüber den Klingonen hegt, die er für den Tod seines Sohnes David verantwortlich macht. Oder nehmen wir den Romulaner Shinzon, der sich in Star Trek: Nemesis für seine Zeit in Gefangenschaft rächen will. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.
Eine Frage der Ethik
Ein ganz besonders markantes Beispiel betrifft aber wiederum Captain Picard im Kinofilm Star Trek: Der erste Kontakt, der hier die Lektion, die er in Ich bin Hugh gelernt hat wieder komplett vergessen zu haben scheint. Er ist sogar bereit seine gesamte Crew zu opfern nur um sich an den Borg dafür zu rächen von ihnen in eine Drohne verwandelt worden zu sein. Erst im letzten Moment besinnt er sich als ihm klar wird, dass er sich ebenso selbstzerstörerisch verhält wie Kapitän Ahab aus Herman Melvilles Klassiker Moby Dick, dem Archetyp der von Rachedurst durchdrungenen literarischen Figur. Durch das Gespräch mit Lilly Sloan wird im erst bewusst, dass sein Feldzug gegen die Borg die Vernichtung seiner eigenen Zukunft, wie er sie kennt, nach sich ziehen würde.
Ahab ist zweifellos jener fiktionale Charakter, der besonders prägnant veranschaulicht wie leicht Rachegelüste in blinden Hass umschlagen können. Dieses Motiv wird im Buch und Film unzählige Male variiert. Doch warum bildet denn Star Trek hier keine Ausnahme? Warum hat der Mensch selbst bis in das 24. Jahrhundert hinein nicht gelernt, dass der Wunsch nach Rache letztlich immer auf jene Person zurückfällt, die sich rächt und nicht auf dessen Ziel?
Vordergründig betrachtet ist die Antwort auf diese Frage natürlich höchst simpel: Für Drehbuchautoren sind Rachegeschichten unter rein dramaturgischen Gesichtspunkten besonders interessant, da sie besonders viel Stoff für spannende Konflikte, interessante Charaktermomente und natürlich auch reichlich Action bieten. Der Star Trek-Franchise wäre wohl ziemlich langweilig wenn es solche Storys in ihm nicht gäbe. Und es wäre auch ethisch höchst fragwürdig wenn die Autoren postulieren würden, dass nur feindselige Spezies wie die Klingonen oder die Cardassianer Rachegefühle hegen würden, während der Mensch sie tatsächlich komplett überwunden hätte.
Aber trotzdem bleibt die Frage spannend wie es sein kann, dass selbst der Advanced Human immer wieder von Rachedurst geplagt wird und es eben nicht geschafft hat sie aus eigener Kraft hinter sich zu lassen.
Um dies zu verstehen lohnt es sich wieder zu der erwähnten Episode Ich bin Hugh zurückgehen. Captain Picards Entführung und Assimilation durch die Borg lag zum Zeitpunkt dieser Folge nicht einmal zwei Jahre zurück, weswegen er noch immer von den Ereignissen traumatisiert war, auch wenn er sich dies selbst nicht wirklich eingestand. Nachdem man den verletzten Borg auf die Enterprise beamt, projiziert er seinen Groll gegen seine Peiniger auf Hugh, weswegen er keinerlei Skrupel verspürt ihn zum Werkzeug seiner Rache zu machen. Er ist sich zunächst nicht bewusst, dass Hugh ja selbst auch nur ein Werkzeug des Kollektivs ist und daher keinen freien Willen besitzt. Dies gilt für alle Borgdrohnen, auch für jene, welche ihn einst gefangen nahmen. Picard scheint gar vergessen zu haben, dass er während seiner Zeit als Locutus selbst seines Willens beraubt wurde und daher gar nicht anders konnte als die Borg bei ihrem Überall auf die Föderation zu helfen. Erst das persönliche Gespräch mit Hugh, der in der Zwischenzeit seine Individualität entdeckte und seine Identität als Drohne zu hinterfragen begann, macht ihm dies klar, weswegen er sofort bereit ist seinen Plan zur endgültigen Auslöschung der Borg aufzugeben.
Hugh hat sich durch seinen Aufenthalt auf der Enterprise und den Kontakt mit der Crew in ein selbständig denkendes Wesen verwandelt und dadurch auch eine eigenständige Moral entwickelt, weswegen er nicht mehr so ohne weiteres bereit ist andere Individuen zu assimilieren. Er hat erkannt, dass die Crew der Enterprise ihrerseits aus einzigartigen Persönlichkeiten besteht und er kein Recht hat gegen deren Willen zu handeln. Auch Rachegefühle sind ihm dadurch fremd geworden und genau dies ist ein entscheidender Punkt.
Der freie Wille – eine Illusion?
Auf den ersten Blick besteht der Hauptunterschied zwischen den Menschen und den Borg ja darin, dass wir eben kein Kollektiv sind. Wir alle verfügen über ein Gewissen, die Fähigkeit individuelle Entscheidungen zu treffen und Schuld zu empfinden, wenn wir im Nachhinein erkennen eine ethisch falsche Handlung begannen zu haben. Wir sind davon überzeugt einen freien Willen zu besitzen und uns bewusste Entscheidungen treffen zu können. Borgdrohnen hingegen tun immer nur was das Kollektiv ihnen befiehlt und sind nicht dazu in der Lage sich dagegen zu wehren. Eben das war der Grund warum sich Captain Picards Hass gegen ausnahmslos alle Drohnen richtete.
Aber sind wir Menschen wirklich so anders als die Borg, wie wir uns das gerne einreden? Unser Glaube, wir hätten einen freien Willen steht jedenfalls auf sehr viel wackligeren Beinen als die meisten von uns annehmen.
Wenn wir im Fernsehen einen Bericht über einen Amoklauf sehen reagieren die meisten von uns moralisch empört und wünschen uns, dass der Täter seine gerechte Strafe bekommt. Dabei gehen wir davon aus, dass er seine Tat nicht hätte begehen müssen und sich ja einfach hätte dagegen entscheiden können. Doch die neusten Forschungsergebnisse aus der Hirnforschung sprechen genau gegen diese Annahme, denn sie nähren den Verdacht, dass auch wir Menschen eben über keinen freien Willen verfügen, was bedeutet das wir uns eben nicht gegen eine bestimmte Handlung entscheiden können.
Die Konsequenzen daraus erschüttern das Bild, das wir sowohl von uns selbst als auch von unseren Mitmenschen haben, denn es bedeutet letztlich, dass ein jeder von uns sich in einer gegebenen Situation nicht anders hätte verhalten können als er es dann auch wirklich tat. Dies wiederum bedeutet, dass wir alle in moralischer Hinsicht nie wirklich einen Grund haben uns für unsere Taten schuldig zu fühlen.
Aber das bedeutet natürlich keineswegs, dass wir für deren Folgen nicht verantwortlich sind. Auch hierfür liefert Star Trek ein Beispiel: Als Captain Picard von den Borg zu Locutus gemacht wurde, war er direkt verantwortlich für die Zerstörung dutzender Raumschiffe und den Tot tausender Menschen. Aber ist er deshalb nun ein gewissenloser Massenmörder, der bestraft gehört? Natürlich nicht, denn zu diesem Zeitpunkt befand er sich unter dem Einfluss des Kollektivs, weswegen er für seine Taten von der Sternenflotte nicht juristisch zur Verantwortung gezogen wurde. Und trotzdem empfindet Picard Reue wegen dem was passiert ist und das ist auch gut so, auch wenn er weiß, dass er selbst nicht wirklich etwas dafür konnte.
Aber dies gilt nicht nur für Borgdrohnen, die keine Reue empfinden können. Für uns Menschen, welche die Fähigkeit der Empathie besitzen gilt dies aber sehr wohl. Wir bilden uns zwar so viel darauf ein frei in unserem Denken und Handeln zu sein, doch eben dies basiert, wie wir gesehen haben, auf einen Irrglauben. Was wir tun oder eben nicht tun wird vielmehr von Faktoren bestimmt, deren Einfluss auf uns wir uns gar nicht bewusst sind. Viele Star Trek-Fans beispielsweise beziehen zumindest einen Teil ihrer eigenen moralischen Werte aus aus der Serie, sie haben die humanistischen Ideale, die von ihr vermittelt werden in ihren realen Alltag übernommen. Man kann daher sagen, dass sie im gewissen Sinne selbst Bestandteil eines Kollektivs sind, denn sie alle teilen dieselben Werte, die sie nicht aus freiem Willen entwickelt haben, sondern die sie aus einer Art übergeordneten Quelle gezogen haben.
Jenseits von Gut und Böse
Egal ob wir unsere moralischen Werte aus Religionen, Philosophien, politischen Ideologien oder eben aus TV-Serien gewonnen haben, wir alle können nichts dafür, dass wir eben genau diese Werte und keine anderen haben. Das Denken in Kategorien wie Gut und Böse macht daher keinen Sinn mehr, denn was jeder von uns jeweils für Gut und Böse hält ist höchst subjektiv. Die Borg halten sich selbst nicht für Böse, weil sie ihre Lebensform für perfekt halten. Für uns Menschen hingegen sind sie das Böse in Reinkultur, weswegen Captain Picard zumindest zunächst keine Gewissensbisse bei dem Gedanken hat sie alle auszulöschen. Erst die Besinnung auf seine humanistischen Ideale und seine Empathie mit Hugh lässt ihn von seinem Plan absehen. Nur sind diese Ideale eben auch keine Ideale , die er sich selbst ausgedacht hat, auch sie wurden ihm anerzogen, da er – im Gegensatz zu den Borg – zufälligerweise in eine Gesellschaft hineingeboren wurde, in der Völkermord als ethisch verwerflich gilt.
So seltsam es auf den ersten Blick erscheinen mag, aber Tatsache ist, dass sowohl die Borg als auch die Menschen falsch liegen, denn sie beide gehen von einer absoluten Definition davon aus was ethisch richtig und was falsch ist. Doch eine solch absolute Definition dieser beiden Begriffe gibt es einfach nicht, weswegen auch jedem Gedanken an Rache die Grundlage entzogen wird. Warum sollten wir uns an einer vermeintlich „bösen“ Person rächen, wenn wir wissen, dass sie sich unter exakt den gleichen Umständen nicht anders verhalten konnte als sie es tatsächlich getan hat, da ihr Handeln von Faktoren bestimmt wurde auf die sie keinen Einfluss hat, dass die Person ja über keinen freien Willen im klassischen Sinne verfügt?
Unter dem Strich bleibt so die Erkenntnis, dass selbst der Advanced Human in der fiktiven Star Trek-Zukunft noch nicht vollumfänglich erkannt hat, dass Rache ein Impuls ist, der im Widerspruch zu allem steht was die Wissenschaft über das menschliche Verhalten herausgefunden hat. Aber wir Menschen in unserer realen Gegenwart wissen es besser: Wir können nicht besser oder schlechter sein als wir tatsächlich sind. Diese Erkenntnis kann uns zu einem entspannteren Umgang mit uns selbst als auch mit unseren Mitmenschen führen.
