Die Erde ist nach einem feindlichen Alien-Angriff nur noch Schutt und Asche. Die überlebenden Menschen haben auf sieben Raumstationen Zuflucht gefunden, riesigen Archen im Weltall, und letztlich den Krieg gegen die Außerirdischen gewonnen – aber zu welchem Preis? In der letzten entscheidenden Schlacht der sogenannten Ritterkriege wurden die Raumstationen von den außerirdischen Wesen mit einer geheimnisvollen Macht quer durchs Universum geschleudert, wodurch sie den Kontakt untereinander sowie die Möglichkeit, zur Erde zurückzukehren, verloren haben. Knapp 400 Jahre später ist die Erinnerung an die Erde für viele nur noch ein Traum; bis auf die Königsfamilie und die Familien der 51 Adelshäuser, die im luxuriösen Adelsturm der Raumstation leben, fristen die Menschen im mittleren und unterem Bezirk der Station ein karges Dasein bzw. darben im Elend.
Die Tribute von Panem im Weltall
Synali hat mit ihren 20 Jahren als Bewohnerin des unteren Bezirks keinerlei Aussicht auf ein besseres Leben, doch wenigstens hat sie ihre Mutter, mit der sie sich gemeinsam durchschlägt. Als sie erfährt, dass sie die uneheliche Tochter des mächtigen Herzogs des Hauses Hauteclare ist, nimmt ihr Leben jedoch eine drastische Wende: Ihr Vater schickt einen Attentäter, um sie und ihre Mutter ermorden zu lassen, da Bastarde eine große Schande für den Adel sind und somit den Ruf des Hauses und seine Macht schädigen.
Synali kann schwer verletzt entkommen und lebt seitdem nur noch dafür Rache zu nehmen und ihren Vater sowie sein ganzes Haus zu vernichten und auszulöschen. Dafür setzt sie ihr eigenes Leben rückhaltlos aufs Spiel und nimmt unerkannt an einem Turnier teil, in dem die Adeligen mit ihren Streitrössern, gewaltigen Kampfmaschinen, die einst für den Krieg gegen die Außerirdischen entwickelt wurden, gegeneinander antreten. Die sogenannten Reiter dieser Kampfroboter sehen sich selbst als Ritter, die nach Ehre streben, und die großen Turniere, bei denen sie mit ihren todbringenden Streitrössern kämpfen, dienen als Ablenkung und Unterhaltung für das hungernde Volk.
Gewagtes Spiel um Leben und Tod
Synali rechnet mit dem sicheren Tod, doch Darvik, ein abtrünniger Adeliger, nimmt sich ihrer an und verspricht ihr, die Mörder ihrer Mutter zu töten, wenn sie für ihn sein Streitross Heavenbreaker im alles entscheidenden Turnier, dem Supernova Cup, reitet und gewinnt. Um überhaupt eine Chance zu haben, auch nur den ersten Kampf zu überleben, nimmt Synali ein gnadenloses Training auf sich. Stunden um Stunden bringt sie in Heavenbreaker zu und hat immer mehr das Gefühl, nicht allein in der Maschine zu sein. Die anderen Ritter lauern auf jeden Fehler, den sie macht, und schrecken auch vor unlauteren Methoden nicht zurück, um sie zu vernichtend zu schlagen. Ganz besonders auf sie abgesehen hat es die immens beliebte und erfolgreiche Ritterin Mirelle, ihre Cousine aus dem Haus Hauteclare, die Synali für eine Mörderin und Verräterin hält.
Der absolute Champion unter den Rittern ist jedoch Rax, der einfach unschlagbar ist und Synali immer wieder Hilfe und Freundschaft anbietet. Aber für Synali zählt nur die Rache, dahinter muss alles andere zurückstehen, auch ihre Gefühle. Sie kann niemandem trauen und muss darauf hoffen, dass Dravik sie nicht doch einfach an den König ausliefert. Je länger sie jedoch mit Heavenbreaker in den Turnieren reitet, desto merkwürdiger verhält sich die Maschine. Was plant Dravik wirklich? Ist er mit der Rebellenorganisation Polaris im Bund, die anscheinend den König und das ganze Machtsystem auf der Station zerstören will? Gibt es das mysteriöse Monster, angeblich ein Drache, im künstlichen Meer unter dem Adelsturm wirklich? Immer tiefer dringt Synali in gefährliche Geheimnisse vor, den sicheren Tod stets vor Augen.
Actionreiche Dystopie
Sara Wolf ist mit Heavenbreaker eine actionreiche Dystopie gelungen: Die heldenhaften Schlachten von ehrenvollen Rittern in ihren Rüstungen, die auf ihren Pferden in Turnieren gegeneinander antreten, verlegt sie in ihrem spannungsgeladenen Science-Fiction-Roman in den Weltraum auf eine Raumstation, deren Überleben alles andere als gesichert ist. Wie auch in Die Tribute von Panem dient das Spektakel, das ursprünglich auf den Krieg mit außerirdischen Invasoren zurückgeht, der Ablenkung des im Elend lebenden Volkes, während die herrschende Schicht – auf Kosten der Bewohner der unteren Bezirke – in opulentem Luxus schwelgt. Zwar sind die Turniere nicht ungefährlich, aber im Prinzip läuft alles nach festen Regeln ab – bis Synali die Arena betritt und ein wahrhaft mörderisches Spektakel entfesselt, um Rache an den Adeligen zu nehmen. Die Geschichte nimmt rasant Fahrt auf, und man fühlt sich mehr an Snow Piercer erinnert als an Die Tribute von Panem.
Synali ist keine heldenhafte Katniss Everdeen, die sich für andere aufopfert und für ihr Volk kämpft. Sie verfolgt ihr ganz eigenes Ziel, für das sie notfalls über Leichen geht. Aber sie kann auch nicht verhindern, dass sie für die Interessen anderer ausgenutzt wird und Unschuldige zu Schaden kommen. So wie sie niemandem trauen kann, müssen auch die Leser misstrauisch bleiben: Waren wirklich die Außerirdischen die Invasoren? Oder ging es in diesem Krieg um etwas ganz Anderes? Welches Geheimnis verbergen die Streitrösser genannten Kampfmaschinen? Was geht in dem künstlichen Meer unter dem Adelsturm vor und welche Rolle spielen der König und sein Schützling dabei, der Junge im Schwebesitz, der des Königs Streitross Hellrunner reitet? Wer Antworten auf diese Fragen will, muss sich noch bis zum 15. Juli gedulden: Dann erscheint im Heyne Verlag mit Hellrunner der zweite Teil.
