Sebastian Grave weiß selbst nicht genau, wer oder was er ist: Seit Jahrhunderten durchwandert er in Koexistenz mit dem 8.000 Jahre alten Dämonen Sarmodel die Weltgeschichte und ist aufgrund des Gastes, den er in seinem Körper oder vielmehr seiner Seele beherbergt, unsterblich. Die Macht des Dämons verleiht ihm große magische Kräfte und wenn es darauf ankommt, kann er im wahrsten Sinne des Wortes über sich selbst hinauswachsen. Sein Dasein fristet der mächtige Magier als hochgeachteter Professor oder auch als berühmter Monsterjäger – von irgendetwas muss man schlielich leben.
Als Leser treffen wir Sebastian Grave zu Beginn des Buches in seiner Kanzlei in Florenz im Jahr 2013, wo er zufällig mit den Aufzeichnungen und Beweismitteln eines seiner berüchtigtsten Fälle konfrontiert wird: der Bestie von Gévaudan. Gemeinsam mit Sebastian, seinem Dämon und ihrer Haushälterin, dem Sukkubus Liva, durchleben die Leser eine wahrhaft phantastische, wenn auch sehr blutrünstige Jagd, die auf realen Vorfällen aus den Jahren 1764 bis 1767 basiert, die sich in der Provinz Gévaudan im Süden Frankreichs zugetragen haben. Da diese allerdings nie abschließend geklärt werden konnten, ranken sich seit jeher zahlreiche Mythen und übernatürliche Erklärungen um die schrecklichen Ereignisse, denen an die 100 Menschen zum Opfer fielen.
Die Geschichte hat daher auch bereits einige literarische sowie filmische Bearbeitungen erfahren, darunter der französische Film Der Pakt der Wölfe, der Roman Ritus von Markus Heitz sowie Wolfszeit von Nina Blazon. Mit seinem Erstlingswerk The Red Winter legt der australische Autor Cameron Sullivan in Sachen Brutalität und Blutrünstigkeit nun noch eins drauf: Das Buch ist definitiv nichts für zartbesaitete Seelen, bei Sullivan geht es ordentlich zur Sache – kein Wunder: Geben sich dunkle Dämonen, in Licht getauchte Engel, bestialische Ungeheuer, korrupte und machtgierige Menschen sowie leibhaftige Götter die Klinke in die Hand. Hereinspaziert, das Spektakel kann beginnen!
Historisches Monster- und Dämonenspektakel
1785, in Ost-Piemont ist Sebastian Grave gerade dabei den rätselhaften Tod einer jungen Frau zu klären, als ihn plötzlich seine Vergangenheit einholt: Jacques Avenel d’Ocerne beauftragt ihn, im Namen seines Vaters, des Barons Antoine d’Ocerne, unverzüglich ins Gévaudan zurückzukehren: Er soll seinen Vertrag erfüllen, den er 1766 mit seinem Vater geschlossen hatte. Nun ist der Schrecken des Roten Winters zurückgekehrt, die Bestie, auf die Sebastian damals Jagd gemacht hatte, treibt erneut ihr blutiges Unwesen. Dem unsterblichen, aber nicht unverwundbaren Dämonenjäger bleibt keine Wahl: Er ahnt, dass er selbst nicht ganz unschuldig am erneuten Auftauchen der Bestie ist – und außerdem braucht er dringend Geld. Also macht er sich mit dem Sohn seines damaligen Freundes auf den beschwerlichen Weg in die verschneite Provinz.
Doch nicht nur der Winter bereitet ihnen Probleme – als die beiden auch noch auf mehrere Tote stoßen, dämmert es Sebastian, dass der junge Jacques ihm etwas verschweigt. Während sie weiter in das Territorium der Bestie vordringen, berichtet Sebastian seinem jungen Reisegefährten, was genau damals vor 20 Jahren passiert ist und welche Rolle sein Vater Antoine dabei gespielt hat. Dämon Sarmodel ist mit Sebastians Vorgehensweise alles andere als einverstanden: Am liebsten möchte er mit dem Jungen kurzen Prozess machen, und ein erneutes Zusammentreffen mit der Bestie unbedingt vermeiden. Aber Sebastian hat seine Gründe und begibt sich erneut in tödliche Gefahr, die nicht nur für ihn und Sarmodel, sondern auch für Jacques und seinen Vater das Verderben bedeuten kann.
Engel und Heilige im Kampf mit dem Kriegsgott
Aus der Sicht des Sukkubus Livia, die als weiblicher, verführerischer Dämon durch einen äußerst langwierigen Vertrag in Knechtschaft an Grave gebunden ist und der es ein wahrlich ungeheures Vergnügen ist, Männern die Lebenskraft zu entziehen, erfährt man, was das alles mit der heiligen Johanna von Orléans zu tun hat. Die Handlung springt daher nicht nur immer wieder zwischen den Jahren 1766 und 1785 hin und her, sondern zwischendurch auch noch zurück ins 15. Jahrhundert, wo Sebastian und Sarmodel 1431 die Hinrichtung der kämpferischen Jungfrau verhindern wollen. Livia erfährt, dass Johanna Botschaften des Erzengel Michaels empfängt, doch Sebastian hat da so seine Zweifel. Er glaubt, dass jemand anders seine Finger im Spiel hat – ein übermächtiger Gegner, der schon seit Tausenden von Jahren Krieg und Zwietracht auf der Erde sät: Der olympische Gott Ares, der im antiken Rom als Mars verehrt wurde, galt als Gott des Krieges, des Massakers und Mordens, der aus schierem Vergnügen in die Schlachten der Menschen eingriff und sie gegeneinander aufhetzte. Sebastian und Sarmodel, denen allmählich die Kräfte und erst recht die Verbündeten ausgehen, glauben, dass Ares, auch bekannt als der Dämon Avstamet, zurückgekehrt sein könnte und sein grausames und blutrünstiges Unwesen treibt. Doch wie besiegt man einen Gott, bevor sich dessen Einfluss wie eine Seuche über die ganze Welt verbreitet und die Menschen selbst zu Bestien werden?!
Bluttriefender Humor
Mit seinem 572 Seiten starken Erstlingswerk hat Cameron Sullivan eine rasante Mischung aus historischer Fantasy und Horror vorgelegt, bei der das ironische Augenzwinkern jedoch immer wieder für humorvolle Auflockerung sorgt. Vor allen Dingen der Dreierbund aus unsterblichem Monsterjäger, Jahrtausende altem Dämon und männermordenden Sukkubus sorgt immer wieder für aberwitzige Situationen und eindeutige Zweideutigkeiten. Diese Art von drastischem Humor muss man allerdings mögen, ebenso die vielen Fußnoten, die äußerst humorvoll weitere Unglaublichkeiten aus dem Alltag eines Dämonenjägers preisgeben. Sehr gut gelungen ist Sullivan die Einbettung in den historischen Kontext und die Lebensumstände der damaligen Zeit (Dämonen und Götter einmal bei Seite gelassen). Die Französische Revolution wirft ihre Schatten voraus, des Volkes Zorn wird sich über den korrupten Klerus und machthungrige Adelige entladen. Sullivan gibt vor, in seinem Roman die dunklen und verborgenen Hintergründe hinter der offiziellen Geschichte aufzudecken, wobei auch die Religion bzw. die gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Anhängern unterschiedlicher Religionen – oder besser gesagt unterschiedlichen Göttern und Dämonen – eine entscheidende Rolle spielen. Sogar Sarmodel, der in seiner dämonischen Form als Pavian beschrieben wird, scheint selbst auch ein Engel zu sein, oder vielleicht sind andersherum auch die Engel Dämonen. Das offene Ende von The Red Winter lässt auf jeden Fall auf weitere Abenteuer der dämonischen Dreierbande schließen und wird vermutlich auch mehr über die Hintergründe der Konflikte zwischen Göttern, Engel und Dämonen verraten.
Die gebundene Ausgabe von The Red Winter ist bei Fischer Tor erschienen. Den Schutzumschlag schmückt ein magisches Fabelwesen, eine Art Mischung aus Wolf und Drache mit Geweih, das in voller Schönheit auch den Vor- und Nachsatz des Buches ziert und eine wahre Pracht ist. Mit der im Buch geschilderten Bestie hat diese Illustration von Christina Mrozik zwar nicht viel gemein, dafür verdeutlicht sie aber umso mehr die Vielzahl der Mythen und Beschreibungen, die sich um diese Bestie buchstäblich ranken. Der rote Farbschnitt rundet das Ganze angemessen ab.
