Andere Welten

Bücherecke: Octavia E. Butler: Verbunden

© Heyne

Birgit Schwenger empfiehlt Butlers bahnbrechenden Roman über die Zeitreise in Amerikas dunkle Vergangenheit in neuer Übersetzung.

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Amerika, 1976: Die junge Schwarze Schriftstellerin Dana ist gerade mit ihrem weißen Freund Kevin, ebenfalls Schriftsteller, in ihre erste gemeinsame Wohnung in Los Angeles gezogen. Beide sind ziemlich erschöpft von der Plackerei, als Dana plötzlich von Schwindel und Übelkeit ergriffen zusammenbricht. Der Raum beginnt um Dana zu verschwimmen und dunkel zu werden: Kevin ist verschwunden, das Haus, all ihre Sachen sind weg und Dana findet sich an einem Waldrand unter Bäumen auf dem Boden kniend wieder. Sie reagiert sofort, als sie begreift, dass ein Kind gerade dabei ist, im nahen Fluss zu ertrinken.

Ohne zu fragen stürzt sie sich ins Wasser: Es gelingt ihr den kleinen Jungen ans Ufer zu schleppen und durch Mund-zu-Mund-Beatmung wieder zu beleben. Doch statt Dankesworten erntet Dana von der herbeieilenden Mutter Schläge und sieht sich kurz darauf sogar dem Lauf eines Gewehrs gegenüber, als auch der Vater des Jungen Rufus hinzukommt. Von Panik erfasst wird Dana zurück in ihre Wohnung katapultiert, wo Kevin ihr mitteilt, dass sie nur wenige Sekunden verschwunden war – aber an einer anderen Stelle in der Wohnung wiederaufgetaucht ist. Beide sind fassungslos und können sich nicht erklären, was gerade passiert ist und wie und wohin Dana urplötzlich verschwunden ist.

Kurz darauf bewahrheiten sich Danas Befürchtungen und sie wird erneut aus ihrer Wohnung gezogen: Diesmal findet sie zu ihrem großen Entsetzen heraus, dass sie sich auf einer Sklavenplantage im US-Bundesstaat Maryland im Jahr 1815 befindet, in der Zeit vor dem amerikanischen Bürgerkrieg: Dana ist in der Vergangenheit ihrer Vorfahren gelandet und stellt schnell fest, dass sie dafür sorgen muss, dass ihre Urgroßmutter Alice, noch ein junges Mädchen, am Leben bleibt, da sie selbst sonst nie geboren werden wird. Aber in der grauenvollen Gegenwart von 1815, in der Dana selbst eine Versklavte ist, ohne Rechte, ohne Schutz und jederzeit mit Gewalt und Tod konfrontiert, ist ihr Leben, genauso wie das aller anderen schwarzen Menschen, nichts wert. Wie soll sie es schaffen, am Leben zu bleiben und noch dazu Alice zu schützen? Zwar gelingt es Kevin, ihr zu Hilfe zu kommen, aber beide wissen nicht, wie sie wieder ins Jahr 1976 zurückkehren sollen: Wie funktioniert das Hin und her zwischen Gegenwart und Vergangenheit? Kann Dana die Kontrolle über ihr Leben zurückgewinnen? Und was passiert mit Kevin, wenn sie zurück in der amerikanischen Gegenwart von 1976 landet?

Von da an wird Dana immer wieder für zunehmend längere Zeiten in die Vergangenheit gezogen, muss Grauenhaftes mit ansehen und erlebt selbst Schreckliches. Ihr Schicksal scheint mit dem von Rufus, dem Sohn des Plantagenbesitzers, verbunden zu sein, der sie irgendwie durch Raum und Zeit herbeirufen kann, wenn ihm Gefahr droht. Leider nur bringt er Dana selbst damit in immer größere Lebensgefahr. Dana muss das Trauma ihrer Vorfahren durchleben – und um ihre Freiheit in Vergangenheit und Gegenwart kämpfen.

1979 erschienen ist das Buch heute, 2026 im Heyne-Verlag in neuer deutscher Übersetzung von Mirjam Nuenning veröffentlicht, aktueller denn je – wie auch andere Romane von Butler, die mit geradezu prophetischer Vorhersehung einen Blick in ihre damalige Zukunft, unsere heutige Gegenwart, geworfen zu haben scheint. So wurde Octavia E. Butlers Grabstätte in Kalifornien laut Wikipedia 2025 durch Waldbrände beschädigt – Brände, die sie bereits 1993 in ihrem dystopischen Roman Die Parabel vom Sämann, der 2024 spielt, für die Region während der Amtszeit eines radikalkonservativen US-Präsidenten prognostizierte hatte. Die damalige Zukunft holt die Gegenwart ein.

Verbunden ist keineswegs angestaubt oder von gestern, der Roman macht den Anschein gerade erst geschrieben worden zu sein, was auch der gelungenen deutschen Neuübersetzung von Mirjam Nuenning zu verdanken ist. Im Nachwort erläutert Nuenning, gemeinsam mit der Schriftstellerin Sharon Dodua Otoo, wie sie an die Übersetzung herangegangen ist und gibt Einblick in Butlers Intention, »das Unfassbare fassbar zu machen«. Es ist der Versuch, entsetzliches Leid und Schwarzen Widerstand dagegen in einer literarischen Form zu kommunizieren, die auch heute noch den Schmerz und die Angst der Menschen nachhaltig vermittelt.

Verbunden ist der bekannteste Roman der vielfach ausgezeichneten Schriftstellerin, die 2006 bei einem Unfall ums Leben kam, und inspirierte Autoren wie Ta-Nehisi Coates, der mit Der Wassertänzer ebenfalls auf phantastische Elemente zurückgreift, oder Colson Whitehead mit Underground Railroad, den Butler durch Dana thematisieren lässt, da sich die Ereignisse 1815 noch nicht zugetragen hatten. Der Roman wurde für Disney+  als TV-Serie adaptiert und ist im Heyne Verlag mit 448 Seiten als Klappenbroschür erschienen.

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