Kolumne

Klartext von Prahl: Star Trek in der Krise?

© Paramount

Reinhard Prahl spricht in seiner heutigen Kolumne Klartext zur Kritik an „Star Trek: Starfleet Academy“.

© Fotoscheune

Star Trek steckt in der Krise. Diese einfache Feststellung dürften recht viele, vorwiegend bei den diversen Social-Media-Vertretern aktive Fans, fett unterstreichen. Was aber, wenn sich dieser Satz gar nicht auf das Objekt des derzeit grassierenden fannischen Wutbürgertums bezieht, sondern auf die Fans selbst? Meiner Meinung nach sind es nämlich nicht Alex Kurtzman und der um ihn versammelte Kreativenkreis, die das Franchise in eine tiefe Sinnkrise stürzten, sondern eben jene Menschen, die ebenso lautstark wie sinnlos alles niedermachen, was als Star Trek seit 2009 über die Leinwände und Bildschirme dieser Welt flimmert.

Da werden Floskeln und Phrasen wie „Kurz-Dreck“, „Katastrophe“ und „der Untergang von Star Trek“ ins Netz ausgespien und als „berechtigte“ oder gar „sachliche“ Kritik deklariert. Doch ist ein Terminus wie „Kurz-Dreck“ (als Hashtag gerne auch #Kurz-Drekk) tatsächlich eine berechtigte Kritik? Und weiter gefragt: sind Influencer wie Sci-Fi-News oder Nerdzika also die wahren Wissenden? Diejenigen, die mehr Ahnung als andere haben, und zwar, weil sie den Schulterschluss mit den oben angesprochenen Wutbürgern suchen?

Oder befeuern sie nicht vielmehr eine Haltung, die mit den von Gene Roddenberry erdachten Werten nichts zu tun hat? Sam ist nervig, die Klingonen nicht klingonisch genug, die Figuren zu kindisch, es gibt zu viel „Liebesgeschwurbel“, zu viel Fanservice, keinen Tiefsinn (wobei nicht erklärt wird, was genau mit „Tiefsinn“ eigentlich gemeint ist) und so weiter. Man redet munter über mangelnde philosophische uns soziologische Ansätze und trampelt durch das Netz wie der berühmte Elefant im Porzellanladen.

Ich habe in den letzten Tagen die Probe aufs Exempel gemacht und versucht, mich in einer besonders aggressiv aufgestellten Facebookgruppe auf sachliche Diskussionen einzulassen. Ich fragte nach, wo genau die immer wieder propagierten Plotholes (auch: Logiklöcher) liegen. Warum genau die Figuren aus schreibtechnischer Sicht „schlecht geschrieben“ sind, wo die Fehler in der Struktur der Drehbücher liegen, an welchen Stellen die Regie, die Kameraführung, die Beleuchtung und der Schnitt versagen.

Ich fragte, welche philosophischen Konzepte in Star Trek allgemein angesprochen werden, welche Philosophen zitiert und rezipiert werden und in welchem Zusammenhang? Wo es den modernen Serien an soziologischen Ansätzen fehlt und um welche es sich handelt. Das Ergebnis war ernüchternd. Kein einziger Diskutant beantwortete auch nur eine der Fragen. Stattdessen wurde es recht schnell persönlich.

Da wurde ich als „Möchtegern“ und „Schönfärber“ abgekanzelt, der anderen seine Meinung nehmen wolle und etwas in Schutz nehme, dass vollkommen zu Recht so hart abgestraft würde. Sachlichkeit? Wissensbasierte Argumente? Respekt? Fehlanzeige. Den Gipfel stellte folgende Antwort auf meinen Hinweis, dass es zwischen Kritik und Populismus einen riesigen Unterschied gibt, dar:

„Kritik muss auch nicht immer sachlich sein. Wenn ich sage, neben all den üblichen Baustellen die zuhauf aufgezählt wurden, gefällt mir die Ästhetik in der Serie nicht, weil zum großen Teil eher minder attraktive, fettleibige Frauen gecastet werden, ist DAS auch Kritik, die legitim ist.“

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Geht eine gute Debattenkultur immer mehr verloren? In Starfleet Academy führen Worte jedenfalls immer noch zum Konsens.

Widerlicher Sexismus, persönliche Angriffe auf Darstellende und das Gefühl (ja, so etwas habe ich auch), dass der Poster keine einzige der wirklich tiefsinnigen Trek-Geschichten auch nur ansatzweise verstanden hat, ungläubiges Staunen und letztlich eine gewisse Hilflosigkeit und Resignation. Das war es, was am Ende blieb. Wie soll man solcher Ignoranz und mangelnder Empathie sachlich begegnen?

Wirklich tragisch ist: das oben angeführte Zitat ist kein Einzelfall. Wer sich die oben erwähnten You-Tuber in Ruhe anschaut und den Inhalt analysiert, wird schnell feststellen, dass es mehr um Clicks als um Sachlichkeit geht. Sachlichkeit ist schließlich langweilig. Niemand will bei einem höchst emotionalisierten Thema so etwas Schnödes wie Ausgewogenheit.

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Die Figur als Indikator für die Ästhetik einer Serie? Ob das noch was mit Star Trek zu tun hat?

Man empfindet Hass und möchte diesen bestätigt wissen. Der Diskurs weicht einer identitären Bewegung, einer Art Subkultur innerhalb einer Subkultur. Der Soziologe Christian Wegner erkannte schon 2006 in seiner hochinteressanten Star Trek-Fankulturenanaylse, dass Fans dazu neigen, Normalitätserwartungen zu definieren und so dazu beizutragen, „feingesponnene Trennlinien in der Welt des Sozialen zu erzeugen, in dem sie fraglos unterstellen, was man wie zu verstehen und zu tun hat.“

Diese Einschätzung trifft nicht nur zu, sie tritt potenziert und massiert auf. Die von Gene Roddenberry für das Franchise ersonnenen Werte spielen in diesem Kontext keine Rolle mehr. Andrew Copson brachte es in seiner Einführung für das Buch Neue Welten. Star Trek als humanistische Utopie auf den Punkt, als er schrieb, dass Gene Roddenberry ein überzeugter Humanist gewesen sei, und das Star Trek die Werte seines Schöpfers widerspiegelt.

„Die Mannschaften der Sternenflotte wertschätzen Zusammenarbeit und Liberalität, Gleichheit und die Würde des Lebens.“ Zusammenarbeit. Liberalität. Gleichheit. Würde. Das ist die Basis von Star Trek, eine Basis die in einer Fankultur immer mehr verloren geht, die sie eigentlich hochhalten sollte.

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