In unserer Kolumne zu Masters of the Universe hatten wir euch auf Planet Trek bereits auf den kommenden Superhelden-Blockbuster eingestimmt. Nach dem Besuch der Pressevorführung darf ich unseren Lesern nun auch guten Gewissens versprechen, dass der nostalgische Optimismus nicht verfehlt war. Egal wie erfolgreich oder nicht der Film aufgrund seines schwierigen Starttermins und viel Skepsis im Fandom sein wird: Er ist in der Tat ein Liebesbrief an alles, was die Kinder der 1980er einst feierten.
Alte Fehler elegant ausgebügelt
Wie im Vor-Artikel angesprochen, bezogen sich Unkenrufe von He-Man-Fans im Zuge des Marketings auf die Enthüllung, dass die aktuelle Adaption des geliebten Actionfiguren- und Cartoon-Franchise erneut unter anderem auf der Erde spielt. Doch Regisseur Travis Knight (Bumblebee) weiß, was er tut. Was in der ersten Realverfilmung mit Dolph Lundgren (The Expendables) ein mit Budgetgrenzen-geschuldet schlechten Effekten unterlegtes Stilmittel darstellte, verwandeln die aktuellen Drehbuchautoren geschickt in einen nicht nur notwendigen sondern entscheidenden Handlungsstrang.
Zu Filmbeginn wird der Zuschauer noch ohne viele Ecken und Kanten ins Techno-Fantasy-Paradies Eternia eingeführt, mit Darstellungen von Kampftraining, Mobbing und fragwürdiger Erziehung an Protagonist Kronprinz Adam, wie sie auch aus jedem zweiten Marvel Cinematic Universe-Film stammen könnten. Da ist es regelrecht erfrischend, wenn sich Masters of the Universe (2026) wenige Minuten später um 180 Grad dreht. Was im einstigen Kult-Cartoon Bösewicht Skeletor (Jared Leto) immer misslang, nämlich, Eternia unter seine Herrschaft zu bringen, wird in Form von zerstörten Palästen, brennenden Städten und tausenden Toten bittere Realität. Angesichts dieser Katastrophe bleibt dem Königspaar nichts anderes übrig, als seinen Sohn allein in Sicherheit zu bringen – eben auf die Heimat von seiner Mutter Marlena Glenn (Charlotte Riley). Eins der wenigen fixen Charakterdetails aus dem ansonsten immer recht losen Grund-Canon wird somit plötzlich zum Hoffnungsschimmer in mehr als einer Hinsicht.
Der nachfolgend befürchtete übertriebene Klamauk beschränkt sich im Grunde auf Szenen, die man aus erwähnten Trailern bereits kennt. Masters of the Universe ist nie ein Franchise gewesen, das sich selbst völlig ernst genommen hat; so sticht Adams 15 Jahre andauerndes Exil in einem rund 140 Minuten langen Film nicht negativ hervor sondern wird im Gegenteil im Finale noch einmal als emotionale Charakter-Prägung aufgegriffen. Blockbuster-Neuling Nicholas Galitzine (Cinderella) bringt dabei gekonnt das ganze Spektrum des unbeholfenen Prinz Adam bis hin zum Kriegshelden He-Man unter einen Hut. Den Ausgleich der notwendigen Ernsthaftigkeit schafft Jugendfreundin und Flirt-Partnerin Teela (Camila Mendes), die den verlorenen Sohn zurück nach Hause holt, wo er vom kriegsgebeutelten Volk kaum wiedererkannt wird und sich seinen Platz in seinem alten Leben erst einmal wieder erarbeiten muss.
Ein stimmiger erster Akt, mit dem Knight beweist, dass er die Liebe seines Zielpublikums zu sämtlichen Versionen des Franchise teilt. Nicht nur versucht er, von all diesen vergangenen Inkarnationen das Beste herauszusuchen, sondern er passt auch einiges nicht mehr zeitgemäße oder zu kindliche Material mit Bravour an die heutigen Sehgewohnheiten an. Somit öffnet sich Masters of the Universe neben seinem Stammpublikum auch einer neuen Generation von Fantasy-Liebhabern.

Was nicht mehr passt, wird passend gemacht
Etwa gibt es in dieser Version von Masters of the Universe keine zweite Geheimidentität (was übrigens auch in einigen der früheren Neuauflagen der Fall war), hinter der sich Adam einst im Cartoon versteckte, was immer wieder zu peinlichen Situationen und Demütigung seines wahren Ichs führte. Stattdessen bekommt er die wenn auch nur sehr kurze Chance, sich vor seinem strengen Vater als Held zu beweisen. Ohne den Spoiler-Rahmen zu sehr auszureizen, sei verraten, dass dies nicht die einzige Szene ist, bei der man als Zuseher kräftig schlucken muss. Ebenso gibt es gleichsam unterhaltsame wie vernünftige Erklärungen für die kuriosen Namen vieler Charaktere, welche damals von einem mit vielen queeren Leuten besetzten Produktionsteam nicht ganz zufällig gewählt waren. Das eine oder andere Kostüm wurde ebenso in die Neuzeit transferiert, während sich die Figuren amüsant, durchaus auch mal anrüchig oder einfach nur schlagfertig über 1980er-Überbleibsel wie halbnackte Muskelprotze auslassen.
Knight vergisst bei allem Augenzwinkern aber nie den Respekt gegenüber dem, was einst die Kinder in Form von Zeichentrick und Plastikfiguren so erfreute. Das im Vorfeld und in vielen Streifen der letzten Jahre bemängelte Problem der Farbsättigungsallergie Hollywoods ist im fertigen Film nicht zu spüren. Die schwermütige graue Düsterkeit etwa eines Nolan-Streifens sucht man in Eternia vergeblich. Egal ob Gastauftritte von gewissen leicht infantilen aber ikonischen Charakteren, die man im Promotion-Material vermisst haben mag, ein Abspann, der 1:1 dem einstigen Cartoon entspringt, eine letzte Szene mit dem Original hundertprozentig nachempfundenen Outfits oder viele von Skeletors legendären Beleidigungen: Das Drehbuch lacht mit dem Franchise und dem Zuschauer, nicht darüber.
An einzelnen Stellen geht dieser Humor allerdings daneben. In der Mitte des Films gibt es zudem ein paar Minuten, wo man sich weiteren Raum für Charakterentwicklung oder die Umstände auf der verwüsteten Welt Eternias gewünscht hätte und in Sachen Pacing etwas Sand im Getriebe ist.
Mehr als eine Heldenreise
Im Gesamtbild lässt sich diese kleine Schwäche aber leicht übersehen, denn trotz seiner Länge ist der Film durchgehend kurzweilig. Er lebt von seinen Charakteren, von epischen Fantasy-Klängen (nicht zuletzt dank eines Soundtracks, auf dem sich Queen-Ikone Brian May verewigt hat), vor allem aber davon, dass die Macher Masters of the Universe voll und ganz verstehen. Sie wissen, dass man als oft gemobbtes oder allein gelassenes Schlüsselkind der 1980er Helden brauchte, die sich vor einen stellten, wenn man schwach war, die aber auch selbst alles andere als unfehlbar waren. Dass man als herangewachsener Fantasy-Fan immer noch regelmäßig Ablenkung von Krisen im Eskapismus sucht, nach einer gewissen Superhelden-Übersättigung aber nicht mehr mit einem Zauberschwert, Laserwaffen und ein paar magischen Worten vom Hocker gerissen werden kann.
So treu Knight in unzähligen Aspekten dem Franchise ist und so viel Fanservice in seinem Endprodukt steckt, von der Hintergrundgeschichte über Easter Eggs wie Läden namens Fright Zone, bis hin zu He-Man-Internet-Memes wie einem gewissen 4 Non Blondes-Song … Das Drehbuch weiß auch ganz genau, an welche Themen in der heutigen Zeit anders und sensibler herangegangen werden muss. Prinz Adam fällt es nicht dank einer magischen Waffe in den Schoß, seine Welt zu befreien. Er muss an seinen eigenen Schwächen und Unsicherheiten arbeiten, die Balance finden, die stärkste Kraft des Universums nicht für sein Ego oder sinnlose Gewalt zu missbrauchen, aber auch für die Kompromisslosigkeit bereit sein, mit allen Mitteln das zu schützen, was er liebt.
Mit ähnlichem Tiefgang steht Idris Elba (Pacific Rim) als Man-At-Arms an Adams Seite. Der einstige unerschütterliche Waffenspezialist und beste Freund von He-Man ist in dieser Version hart abgestürzt und muss auf seiner – wenn auch leider etwas abrupt beschriebenen – eigenen Charakterreise wieder die Motivation finden, sich dem Leben als Krieger zuzuwenden. Wo sich die Figureninteraktionen ansonsten nahtlos in die Geschehnisse einfügen, wirken die Konversationen zwischen Adam und Man-At-Arms bedauerlicherweise etwas arg gewollt witzig und holprig; hier hätten ein, zwei Schnitte mehr dem Gesamtbild gut getan.
Von diesem zeitweiligen Stirnrunzeln abgesehen jedoch begleitet man Adam, Teela, Man-At-Arms und eine neu interpretierte Version von Roboto (Kristen Wiig), die jedem Star Wars-Droiden mit ihrer schlagfertig-liebenswerten Art die Schau stiehlt, mit Freuden auf ihrem Weg, Skeletor zu besiegen und Eternia wieder seiner Adelsfamilie und seinem Volk zu schenken.

Kompakt, stimmig, vollständig
Ich hatte es im Vor-Bericht angesprochen: Unabhängig von der Qualität des Endprodukts geht Amazon MGM mit Masters of the Universe Marketing-technisch ein beispielloses Risiko ein. Nach Sichtung des Streifens möchte ich diese Verwunderung mit der Feststellung ergänzen, dass man sich dessen in der Riege der Verantwortlichen auch ganz genau bewusst sein muss.
Die Welt und der Canon von Masters of the Universe sind unendlich groß und breit gefächert und bieten Stoff für zahlreiche Filme sowie für Serien, und natürlich spekuliert man seitens des Studios bereits mit Fortsetzungen, von denen Knight auch schon geplante Details verraten hat. Aber: Man geht nicht davon aus, dass es diese zwingend geben wird. Ob und wie gut der Film ankommt, ist zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels weiter Kaffeesatz-Leserei und hängt von diversen Faktoren ab. Es ist auch durchaus möglich, dass Masters of the Universe wie so viele andere Streifen in den letzten Jahren nachträglich als Streaming-Hit endet, weil in Krisenzeiten Kino ein teurer Spaß geworden ist. So oder so: Das jetzige Produkt fühlt sich nicht an wie der unfertige, unbefriedigende erste Teil eines vielleicht ohnehin zum Sterben verurteilten Franchise.
Masters of the Universe hat eine abgeschlossene Handlung, der viele weitere Geschichten aus diesem Kosmos folgen können aber nicht müssen. Ohne den Genuss von gleich zweieinhalb Post Credit-Szenen (der unseren Lesern an dieser Stelle aber ausdrücklich ans Herz gelegt wird!) bleibt die Fantasie des Zuschauers diesbezüglich beschränkt. Auch wenn Adams Karriere als He-Man im Film gerade erst begonnen hat, nimmt sie einen mit, ohne Fragen offen zu lassen.
Das Hintertürchen für Fans einer gewissen berühmten Schwestern-Serie des alten Cartoons ist allerdings weit aufgestoßen, und diesbezüglich sei erneut, ohne alles zu verraten, auf die Bilder nach dem Abspann verwiesen. Nicht umsonst hat Knight im Vorfeld so dringend gebeten, sich nach dem Privileg von Vor-Screenings und Premieren mit Spoilern im Internet zurückzuhalten. Als eingefleischtem Fan, der nach zahlreichen Enttäuschungen in dieser Hinsicht nichts erwartet hat, blieb mir da der Mund offen stehen, und die Augen waren nicht mehr ganz trocken. Viele andere Szenen, die das He-Man-Universum um die so wichtige Komponente von Adams Zwillingsschwester erweitert hätten, fielen laut Knight der Nachbearbeitungs-Schere zum Opfer. Daher wird es ehemalige kleine Mädchen wie mich im Kinosaal, die so dringend große Heldinnen brauchten und brauchen, umso mehr berühren, dass Knights Liebesbrief an das Franchise mit einer ganz bedeutsamen PS-Note ergänzt wurde.
Falls es Masters of the Universe trotz eines wirklich sehr gut gelungenen Endprodukts am nötigen Zuspruch oder an dem langen Atem fehlt, um eine Fortsetzung zu ermöglichen, hat Knight trotzdem bis hin zur letzten Szene die jahrzehntelange Wünsche und Hoffnungen einer ganzen Generation an Superhelden-Fans erfüllt.
Und das ist manchmal so viel mehr wert als jedes Einspielergebnis.

