Andere Welten

Bücherecke: J.R.R. Tolkien: Die Bovadium-Fragmente

© Hobbit Presse / Klett-Cotta

Birgit Schwenger findet: ein großer literarischer Spaß und gleichzeitig eine brandaktuelle Streitschrift für den Umweltschutz vom Herrn der Ringe-Schöpfer

© Hobbit Presse / Klett-Cotta

Bei archäologischen Ausgrabungen in der antiken Stadt Bovadium entdecken die Forscher Textfragmente, die Auskunft über den Untergang und die Zerstörung der einst eindrucksvollen Stadt geben: In früheren Zeiten hatte ein Daemon die Stadt heimgesucht, der abscheuliche Maschinen erfand, die Motores genannt wurden. Die Menschen waren begeistert von diesen Maschinen und den Vorteilen, die sie ihnen brachten: Sie ermöglichten eine schnelle Fortbewegung für viele Menschen und den Transport großer Lasten. In ihrer Begeisterung ordneten die Menschen alles diesen Maschinen unter, machten sich gar zu ihren Sklaven. Sie beteten sie an und bauten ihnen Tempel – erst als es schon zu spät war, erkannten sie, was sie angerichtet hatten, doch die Katastrophe war nicht mehr aufzuhalten, das Schicksal von Bovadium war besiegelt.

Im Herbst 1911 war Tolkien für sein Studium nach Oxford gekommen und bis zu seinem Tod über 60 Jahre später, blieb die altehrwürdige Universitätsstadt ein zentraler Punkt in Tolkiens Leben und Werk. Fast gleichzeitig mit Tolkien kam auch das Auto in Oxford an, und die Automobilindustrie wurde innerhalb kürzester Zeit zum führenden Wirtschaftszweig der Stadt. Sie brachte viele Arbeitsplätze und den technischen Fortschritt, verursachte aber auch tiefe Einschnitte in der Stadt, die jahrhundertelange von der Universität und den Gelehrten geprägt worden war.

Als schließlich zu Beginn der 1950er Jahre eine große Autostraße mitten durch den historischen Stadtkern und die 800 Jahre alte Christ Church Meadow gebaut werden sollte, um dem dramatisch angestiegenen Verkehrsstrom Herr zu werden, entbrannte eine heftige Kontroverse darüber, was wichtiger sei: den Strom der Verkehrsmassen zu leiten und (hoffentlich) erträglicher zu machen oder den historisch gewachsenen Charakter der Stadt und ihr Aussehen zu bewahren.

Satirische Fantasy-Geschichte

J.R.R. Tolkien beteiligte sich mit der satirischen Fantasy-Geschichte Die Bovadium-Fragmente ebenfalls an dieser Auseinandersetzung und bekräftigte damit seinen ganz persönlichen Protest gegen die Zerstörung der Umwelt, dem er auch schon im Herr der Ringe sowie in weiteren Geschichten seines Werkes, z. B. Roverandom, Ausdruck verlieh. »Allerdings erhebt der Geist von Isengard, wenn nicht gar von Mordor, immer wieder sein Haupt. […] Das gegenwärtige Vorhaben, Oxford zu zerstören, damit die Motorfahrzeuge Platz haben, ist ein Beispiel dafür.«, beschreibt Tolkien in einem Brief 1956 die Situation.

1961 schreibt er seiner Enkelin, dass »Oxford weiterhin unter der Verwüstung durch die Maschinenanbeter leidet«. Die ganze Stadt sei von Lärm und Gestank erfüllt, voller Nostalgie denkt er an die beschauliche Landschaft seiner Kindheit zurück, die vom zunehmenden Verkehr und modernen Fabriken mehr und mehr verdrängt wird und schließlich ganz und gar zu verschwinden droht.

Aus Liebe zur Natur

Aber Die Bovadium-Fragmente sind nicht nur Ausdruck Tolkiens persönlicher Abneigung gegenüber Autos und den technologischen Entwicklungen seiner Zeit, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit den Eingriffen der Menschen in die Natur und der damit einhergehenden Zerstörung der Umwelt. Heute würde man von Climate Fiction sprechen, wenn auch die satirische Intention hier noch überwiegt, weil die Folgen der Maschinenhörigkeit aus einer weit entfernten Zukunft betrachtet werden – ohne dass Tolkien klar sein konnte, dass das hässliche Ende – so wie er es bei der Rückkehr der Hobbits ins Auenland schildert, als sie mit den verheerenden Veränderungen durch Saruman und seine Schar konfrontiert werden, – in der Zukunft auch seine englische Heimat nicht unverändert lassen würde. So sind Die Bovadium-Fragmente – geschrieben vor über 70 Jahren als literarischer Spaß für ein gelehrtes Publikum – heute aktueller denn je.

Tolkiens Text umfasst, ergänzt um ein Nachwort von Christopher Tolkien, der die Fragmente noch vor seinem Tod 2020 als Herausgeber bearbeitet hat, 50 Seiten des insgesamt 160 Seiten langen Bandes. Das Buch enthält außerdem ein aufschlussreiches Essay von Richard Ovenden, dem Direktor der Bodleian Library, zur Geschichte Oxfords in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Originalillustrationen von Tolkien sowie zeitgenössische Fotos und Pläne.

Hoch
Cookie Consent mit Real Cookie Banner