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Bücherecke: Cassandra Clare: Ragpicker King – Die Chroniken von Castellan (Band 2)

© Penhaligon

„Ragpicker King – Die Chroniken von Castellan (Band 2)“ ist noch spannender als der erste Band, urteilt Birgit Schwenger.

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In Castellan herrscht Schockstarre und Entsetzen: Nach dem Blutbad in der Glänzenden Galerie, bei dem auch die sarthische Prinzessin, die Verlobte des castellanischen Kronprinzen, getötet worden ist, sieht sich die königliche Familie Castellans mit einer Drohung des benachbarten Königreiches Sarthe konfrontiert: Entweder sollen sie eine Million Goldkronen als Entschädigung zahlen oder müssen mit einem vernichtenden Krieg rechnen. Nachdem König Markus nach dem Massaker in eine Art Stasis verfallen ist, hat Kronprinz Conor die Regierungsgeschäfte übernommen und einen neuen Deal mit dem Königreich Kutani ausgehandelt: Er heiratet die schöne Prinzessin Anjelica, die als Mitgift die Unterstützung des kutanischen Heeres zusichert, was – so die Hoffnung –  die Sarther von einem Angriff abhalten soll. Aber die sarthische Armee ist bei weitem nicht das einzige Problem, mit dem sich Prinz Conor und Kel, sein Schwertfänger, herumschlagen müssen.

Artal Gremont, der nun die Tee-Charta besitzt und für seine Grausamkeit und Brutalität berüchtigt ist, kehrt zurück nach Castellan und soll – nach dem Willen ihrer Mutter – Antonetta heiraten, um dadurch die Tee- und die Seiden-Charta miteinander zu verbinden und beide Häuser somit zur einflussreichsten Macht in Castellan werden zu lassen. Doch Gefahr droht nicht nur von den intriganten Charta-Häusern und Verschwörern, die am Massaker im Palast beteiligt waren. Eine unbekannte dunkle Macht treibt ihr Unwesen in Catellan und geht buchstäblich über Leichen, um ihre Ziele zu erreichen. Steckt die mysteriöse Graue Schlange dahinter? Und welche Rolle spielt Prinzessin Elsabet Belmany von Malgasi, der Conor ursprünglich versprochen war? Auch der Lumpensammlerkönig bekommt Probleme: Sein Gegenspieler Prosper Beck taucht wieder auf, und der unheimliche dunkle Attentäter, der immer wieder spurlos verschwindet, bereitet auch seinen Operationen Schwierigkeiten.

Gefährliche Intrigen und dunkle Geheimnisse

In Mitten dieser Intrigen und dunklen Geheimnisse kämpft auch die Heilerin Lin aus dem Volk der Ashkar um ihr Schicksal. Um ihre lebensgefährlich erkrankte Freundin Mariam zu retten, hat sich Lin auf ein gefährliches Spiel eingelassen: Durch einen Trick hat sie sich – einer alten Prophezeiung gemäß – zur Göttin ihres Volkes erklärt. Bis die Prüfung durch den Exilarch der Ashkar erfolgt, kann sie neue Wege beschreiten und erhält Zutritt zu Ressourcen, die ihr bislang verboten waren. Aber ihr brisantes Spiel birgt auch das Risiko, von ihrem eigenen Volk verstoßen zu werden und die Heilkunst aufgeben zu müssen. Außerdem erteilt ihr Conor den Befehl, seinen Vater zu heilen. Als Lin herausfindet, dass dessen Krankheit einen magischen Ursprung hat, bringt sie nicht nur sich selbst, sondern womöglich ihr ganzes Volk in große Gefahr. So müssen sich schließlich Lin und auch Kel fragen, wem ihre Loyalität gilt: ihrem Volk und ihrem Prinzen – oder ihren eigenen Träumen und Zielen?

Epische Fantasy mit hohem Suchtpotential

Mit dem zweiten Band der Chroniken von Castellan-Reihe legt Cassandra Clare erneut einen herausragenden High-Fantasy-Roman vor. Der Ragpicker King ist noch spannender als Sword Catcher, der erste Band der Reihe, – falls das überhaupt möglich ist. Auf 704 Seiten entfaltet die Bestseller-Autorin (Chroniken der Unterwelt, Magisterium-Reihe) erneut eine großartige Geschichte mit einen immensen Reichtum an Fantasie und Details, in der man beständig am Ball bleiben muss, um keine Fährte zu verpassen – um dann nach der nächsten Wende doch wieder feststellen zu müssen, dass man einer falschen Spur aufgesessen ist und immer noch nicht das ganze Puzzle enträtselt hat. Wer den ersten Band nicht kennt, hat keine Chance mitzukommen. Das Erzähltempo ist rasant, auch wenn es zwischendurch ruhiger erzählte Passagen gibt, in denen man mehr über das Verschwinden der Magie oder die tragische Geschichte der Ashkar erfährt. Man kann niemandem trauen, keiner zeigt sein wahres Gesicht, überall lauert Verrat, wenn nicht gleich der Tod.

Neben den ausgefeilten Handlungsbögen ist es wieder die Vielzahl an überzeugenden Charakteren, die das Herz der Geschichte ausmachen und sofort in ihren Bann ziehen. Die Hauptfiguren sind Kel, der trotz seiner bedingungslosen Freundschaft zu Conor aus dem goldenen Käfig entkommen will, und Lin, die begnadete Heilerin, die als Frau vom eigenen Volk Missachtung erfährt und verzweifelt versucht, ihre zum Scheitern verurteilte Liebe zu Conor zu unterdrücken.

Aber auch Antonetta Alleyne, hinter deren schöner Fassade mehr zu stecken scheint, als man auf den ersten Blick meint, oder Andreyen Morettus, der als Lumpensammlerkönig über die Unterwelt Castellans gebietet und ein auffallendes Interesse für die Geheimnisse der Magie zeigt, und natürlich Prinz Conor, der sich vom lebenslustigen Prinz zum verantwortungsvollen Herrscher entwickelt, aber allzu oft seinen aufbrausenden Emotionen ausgeliefert ist, sind fesselnde Charaktere mit eigenen Geschichten und Geheimnissen. Auch die bunt zusammengewürfelte Truppe des Lumpensammlerkönigs, die Kel und Lin gleichermaßen als Freunde aufgenommen haben, schließt man schnell ins Herz – und hofft, dass sie am Leben bleiben.

In den Chroniken von Castellan bleibt definitiv noch viel zu entdecken, aber es steht zu befürchten, dass es wieder zwei Jahre dauern wird, bis der dritte Band erscheint, der gerüchteweise den Titel The Bone Conjurers tragen soll. Bis dahin kann man problemlos die knapp 1.500 Seiten der ersten beiden Bände noch einmal lesen, um die Wartezeit zu verkürzen …

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