Andere Welten

Bücherecke: Gruselige Stunden: Schaurige Geschichten für kalte Abende

© Dumont

Birgit Schwengers Winter-Tipp: Gemütlich machen und zu den schaurig-schönen Geschichten aus „Gruselige Stunden“ greifen!

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Nach Schaurige Nächte und Wintergeister legt der Dumont-Verlag mit Gruselige Stunden erneut einen exquisiten Erzählband mit Schauergeschichten in klassisch britischer Tradition vor. Genau das richtige für lange dunkle Winterabende, wobei das rettende Licht für schwache Nerven besser zum Greifen nah sein sollte, denn – wie der Titel schon verspricht – geht es diesmal wirklich sehr düster zu: Fans des klassischen Horrors werden auf ihre Kosten kommen.

Charles Dickens und Dantes Inferno lassen grüßen

Kiran Millwood Hargrave (Die Sternenleserin) legt in der ersten Geschichte Der Wirt gleich richtig vor: Ein vor Kummer über den Tod ihrer Tochter verzweifeltes Ehepaar schreckt vor nichts zurück, um sie wiederzubekommen. Die kleine Mary, die mit ihrem Bruder in einem Elendsviertel in London aufwächst, ahnt nicht, welch schreckliches Schicksal ihr dabei zugedacht ist.  Als Leser glaubt man, in eine Erzählung von Charles Dickens geraten zu sein, nur dass dessen Dämonen ausschließlich menschlicher Natur waren.

Die zweite Geschichte, Inferno von Laura Shepherd Robinson, bietet buchstäblich Dantes Inferno auf, um denen, die Sünde auf sich geladen haben, die gebührende Strafe zukommen zu lassen: Zwar wähnt sich der junge Edelmann Jasper sich auf der abgelegenen Insel im Gardasee zunächst in Sicherheit vor seinen Verfolgern und glaubt, dass sich sein Schicksal endlich zum Guten wenden wird – schließlich hat er doch nichts zu bereuen und ist sich keiner Schuld bewusst. Aber auch wenn die Mühlen der Gerechtigkeit langsam mahlen, so mahlen sie doch, wie Jasper leider feststellen muss.

Stuart Turton toppt selbst das Inferno noch mit seiner Horror-Story Der Herr des Hauses: An Weihnachten kämpft ein Vater in einem labyrinthischen Höllenhaus, das Stephen King zur Ehre gereicht, um das Leben seines Sohnes. Eine klassische viktorianische Horror-Geschichte erzählt Imogen Hermes Gowar mit Doppelter Faden: Aufs Land zu ihrer Tante geflohen, hofft eine junge wohlhabende Frau, den Skandal um ihren Mann zu entkommen, um dann wieder in ihre gesellschaftlichen Kreise nach London zurückkehren zu können. Doch ihr Verhalten ist keineswegs reumütig und schon gar nicht freundlich, so kommt es, wie es kommen muss: Hochmut kommt vor dem Fall.

Spuk und Grusel vom Feinsten

Auch Natasha Pulley (Der Uhrmacher in der Filigree Street) hat mit ihrer Geschichte, Das Salzwunde, ein echtes Gruselschmuckstück geschaffen: Auf der abgelegenen schottischen Insel St. Hilda geschehen mysteriöse Dinge. So wie die ursprünglichen Siedler der Insel sind nun auch einige der Pilger, die dort eine wundersame Heilung zu finden hofften, verschwunden. Der Bischof schickt einen Priester, der das Ganze untersuchen soll und kaum glauben kann, was er vorfindet. Die letzte Geschichte, Verbannt von Elizabeth Macneal, führt uns nach Edinburgh ins Jahr 1754. Dort lässt der hochangesehene Lord Erskine eine junge Frau zu sich rufen, die im Ruf steht eine Hexe zu sein und mit Geistern sprechen zu können. Er erhofft sich ihre Hilfe, um den Geist seiner Frau loszuwerden, der ihn und die ganze Dienerschaft heimsucht. Doch die tote Lady Erskine lässt sich so schnell nicht vertreiben, und bald schon schwebt die junge Frau selbst in Lebensgefahr.

Wohlige Schauer garantiert

Ob Dämonen, Geister oder andere grausige Gestalten – hier läuft einem beim Lesen garantiert ein kalter Schauder den Rücken hinunter. Alle sechs Erzählungen der Gruselige Stunden spielen in der Vergangenheit, alle sind jedoch ganz unterschiedlich, sowohl im Setting als auch in der Atmosphäre: Ob einsame Insel, schottisches Spukhaus oder italienischer Landsitz – diese Erzählerinnen und Erzähler brauchen nicht lange, um gespenstische Stimmung und Schauer aufkommen zu lassen. Kunstvoll kreiert jede Geschichte ihren ganz eigenen Horror. In fast allen stellt sich aber unterschwellig die Frage, wer hier die wirklichen Dämonen sind: Sind es die Ungeheuer aus der Hölle? Oder sind es vielleicht auch die gefühlskalten und grausamen Menschen, die für das Leid und den Horror verantwortlich sind, der in vielen Fällen schließlich auch sie selber quält und heimsucht?

Bereits zum dritten Mal in Folge ist auch diese Zusammenstellung britischer Schauergeschichten hervorragend gelungen. Die gebundene Ausgabe ist mit Schutzumschlag erschienen, den eine feine Goldfolienprägung ziert. Die Namen der Autorinnen und Autoren finden sich auf den Blättern der Pflanze verteilt, diesmal ergänzt um ein flackerndes Kaminfeuer, das zum Geschichtenerzählen einlädt und gleich die richtige Stimmung aufkommen lässt. Das farbige Vorsatzpapier und das Lesebändchen runden die gelungene Ausgabe ab. Bleibt zu hoffen, dass Dumont diese schöne Tradition im nächsten Winter mit einem weiteren Band fortführt.

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