Andere Welten

Bücherecke: Nils Westerboer: Lyneham

© Hobbit Presse / Klett-Cotta

„Lyneham“ ist preisgekrönte Science-Fiction aus Deutschland: Birgit Schwenger ist begeistert.

© Hobbit Presse / Klett-Cotta

An seinem 12. Geburtstag ist Henry Meadows mit seiner Familie auf einem von fünf Raumschiffen auf den Weg in ein neues Leben. Die Erde stirbt, ein Leben ist für die Menschen auf ihr nicht mehr möglich. Unter der Ägide des Unternehmens Rayser Interstellar versucht eine Gruppe ausgewählter Menschen daher in einem fernen Sonnensystem auf dem Mond Perm heimisch zu werden. Doch anstelle einer durch Terraforming an die menschlichen Bedürfnisse angepassten Welt finden die neue Siedler eine extrem lebensfeindliche Umwelt vor: Atmen ohne Schutzmaske ist innerhalb kürzester Zeit tödlich, der Bau von Städten ist aufgrund der starken und beständigen tektonischen Bewegungen unmöglich und die Wetterverhältnisse mit flutartigen Stürmen und extremen Gewittern erschweren zusätzlich das Ansiedeln der Menschen. Noah Rayser, der Vorstandsvorsitzende von Rayser Interstellar, erklärt Henry und seiner Familie bei ihrer Ankunft, dass sie mit der Umgestaltung von Perm auf einem guten Weg sind, aber noch für mehrere Jahrzehnte in Biomen, künstlichen, von der Umwelt komplett abgetrennten Lebensräumen mit eigenständigem Ökosystem, leben müssen, bis die Welt von Perm für die Menschen bewohnbar sein wird.

Vor allem für die Kinder – neben Henry sein 15 Jahre alter Bruder Chester und seine 11-jährige Schwester Loy – ist das eine herbe Enttäuschung, da ihre Eltern ihnen ein großes Abenteuer versprochen hatten. Noch schlimmer ist es allerdings, dass ihre Mutter, eine der führenden Wissenschaftlerinnen der Mission, sie nicht wie angekündigt in Empfang nimmt – sie war mit einem anderen Schiff aufgebrochen, um auf Perm alles für sie vorzubereiten. Die Kinder sind relativ bald weitestgehend auf sich allein gestellt, da ihre Eltern gebraucht werden, um die hochtechnologisierten Arbeiten auf Perm weiter voranzutreiben. Nach und nach findet Henry heraus, dass ihr Vater, der alles versucht, um seinen Kindern unter den gegebenen Umständen ein gutes Leben zu ermöglichen, ihnen nicht immer die Wahrheit gesagt hat und ihnen manches verschweigt. So würde Henry alles dafür geben zu erfahren, wo seine Mutter ist und warum sie nicht zu ihnen stößt.

Zweite Chance für die Menschheit?

Während die Siedler beginnen, sich auf Perm einzurichten und sich mit den neuen Gegebenheiten zurecht zu finden – eine viel geringere Schwerkraft als auf der Erde, für das menschliche Auge so gut wie unsichtbare, gefährliche Tiere und Berge, die bis in den Weltraum wachsen –, erfährt man aus zwischengeschalteten Kapiteln, wie es der Mutter der Kinder, Mildred Meadows, auf ihrer Impulsmission ergeht – 12.000 Jahre bevor ihre Familie auf Perm eintrifft. Sie will unbedingt verhindern, dass auf Perm dieselben Fehler gemacht werden wie auf der Erde, da diese letztlich dazu geführt haben, dass die Menschen die Erde unbewohnbar gemacht haben. Dasselbe Schicksal will sie auf Perm unbedingt vermeiden, aber Noah Rayser, der Leiter der Mission, ist anderer Meinung: Er schlägt ihren Rat in den Wind und beginnt trotz all ihrer Warnungen damit, Perm in eine zweite Erde zu verwandeln, obwohl klar ist, dass dies zum Schaden bzw. sogar zur Vernichtung der heimischen Fauna und Flora führen wird.

Sehenden Auges in den Untergang

2071 wurde die Erde nach einer Welle von gewaltigen, zerstörerischen Katastrophen weltweiten Ausmaßes unbewohnbar. Sehenden Auges nahmen die Menschen laut Mildred den Untergang in Kauf, um ihren Lebensstil so lange wie möglich aufrecht erhalten zu können. Erst als es zu spät war, stellten sie fest, dass sich die Sonne tatsächlich nicht abschalten lässt. Die Reichen und Mächtigen kauften sich in Biome ein, die ihnen in einer vom Rest der Welt abgetrennten gut ausgestatteten künstlichen Welt das weitere Überleben sicherten, den endgültigen Untergang aber letztlich nur weiter beschleunigten. Auch Familien wie die Meadows fanden in England Zuflucht in einem dieser Biome, da Mildred aufgrund ihrer wissenschaftlichen Expertise unverzichtbar für die neue Zukunft der Menschen war. Während Noah Rayser noch davon träumt, dass die Zukunft denen gehören soll, die »nicht quälen, nicht morden, nicht vergewaltigen und keine Kriege vom Zaun brechen«, wird Mildred schnell klar, dass auch ihr neues Zuhause von denen bestimmt werden wird, die in ihren geschützten Biomen weiterhin sorgenfrei Golf spielen, während außerhalb der Kampf ums Überleben längst verloren ist.

Was macht den Menschen aus?

Nils Westerboers Lyneham ist kein Action-Feuerwerk im Weltraum, in dem Menschen mit allen Mitteln gegen eine feindliche Umwelt kämpfen – es sind nicht die Katastrophen oder technischen Errungenschaften, die im Mittelpunkt stehen, sondern die Menschen selbst und das, was sie »am Ende aller Dinge« ausmacht, wie Franziska Weber in der Tolkien Times der Hobbit Presse schreibt: Werte wie der gemeinschaftliche Zusammenhalt, Freundschaft, Mut, das Richtige zu tun, auch wenn es einen nicht beliebt macht, die Hoffnung nicht aufzugeben, und bereit für eine neue Zukunft zu sein.

Mit dem erzählerischen Kniff, zwischen Henrys und Mildreds Perspektive hin und her zu wechseln, spürt man sowohl Henrys Ängste, seine Zweifel und den unabdingbaren Wunsch, ein neues Zuhause und neue Hoffnung zu finden, auch wenn alles hoffnungslos scheint, als auch Mildreds unbezwingbaren Wissensdurst, den eisernen Willen, eine bessere Welt zu schaffen, ohne dabei die bestehende zum Untergang zu verurteilen.

Wie so oft in der Science-Fiction hält auch Lyneham unserer Gegenwart einen mahnenden Spiegel vor, die Katastrophe noch abzuwenden, nicht nur den eigenen Wohlstand und den eigenen Gewinn zu sehen, sondern auch die Konsequenzen zu bedenken, die unser Handeln hat. Wir haben nur die eine Welt oder – wie Mildred zu Beginn auf die Frage, ob es möglich sei, eine andere Welt in einem anderen Sonnensystem zu kolonisieren, kurz und bündig zu Protokoll gibt: »Es ist Unsinn. […] Sie werden überall auf der Erde kostengünstigeres und gesünderes Bauland finden als woanders im Universum.« Nicht einmal Elon Musk und Jeff Bezos zusammen haben genug Geld, um einen anderen Planeten erdengleich zu erschaffen – es fehlen ihnen dafür ein paar Milliarden Jahre an Zeit. In Lyneham ist es die saudische Königsfamilie die in ihrem sicheren Biom weiter Golf spielt, während außerhalb der Biome die Menschen Hungersnöten, Flutkatastrophen, immer weiter steigenden Hitzewellen und neuen Krankheiten zum Opfer fallen. Westerboer zeigt uns, was wir zu verlieren haben: Neben unser Welt vor allem auch das, was uns ausmacht – unsere Menschlichkeit.


Eindrucksvolle Stimme der deutschen Phantastik

Nicht nur inhaltlich, auch sprachlich überzeugt Westerboer auf ganzer Linie: In sehr präziser Sprache formuliert Westerboer hochkomplexe technische Vorgänge und erklärt nebenbei die Gesetze der Physik, ohne dabei jemals den Spannungsbogen der Geschichte aus den Augen zu verlieren. Seine Charaktere sind glaubhaft und absolut lebensecht. Die Welt von Perm ist so real geschildert, dass man fast schon glaubt, gemeinsam mit Henry die neue, aber doch so fremde und auch erschreckende Welt zu erkunden. Lyneham ist ein Weckruf an uns alle, es nicht soweit kommen zu lassen. Ja, es gibt Hoffnung, aber wäre es nicht vielleicht doch besser, die Katastrophe von vornherein zu verhindern?

Die Kritiker preisen das Buch zurecht mit Lobeshymnen: »Endlich Science-Fiction aus Deutschland, die das ganze Weltall lesen sollte«, schreibt Richard Kämmerlings in Die Welt und Popkultur-Koryphäe Dietmar Dath jubelt in der FAZ: »Ein Meilenstein hiesiger Science-Fiction«. So war es nur folgerichtig, dass die Stadt Wetzlar Nils Westerboer am 1. Juli 2025 mit dem Phantastikpreis für Lyneham, seinen dritten Roman, ausgezeichnet hat. Erscheinen ist der Roman bei Klett-Cotta in der Hobbit Presse im März 2025 als Klappenbroschur mit 496 Seiten sowie Karten von Perm im vorderen und hinterem Vorsatz. Bereits 2023 wurde Westerboer für seinen zweiten Roman Athos 2643 mit dem deutschen Science-Fiction-Preis ausgezeichnet.

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