Andere Welten

Die Frau aus dem All: Star Trek auf Russisch?

SF-Kenner Thorsten Walch erzählt uns heute vom Film “Die Frau aus dem All”, der bei seiner Entstehung Parallelen zu “Star Trek” aufwies.

© Ostalgica

Auch in der damaligen Sowjetunion träumte man von den Sternen, während in der realen Welt der unerbittliche Kalte Krieg tobte: Allerdings waren utopische Filme (der englische Begriff Science-Fiction war aus naheliegenden Gründen natürlich verpönt) in der sozialistischen Welt keine Action-Spektakel a’la Star Wars, sondern besaßen einen weit intellektuelleren Anstrich und dienten eher dem Transport neuer Ideen und Denkweisen, die trotz ihrer unbestrittenen ideologischen Färbung hier und da Ähnliches taten wie Star Trek im weit entfernten Amerika.

Besonders bekannte Beispiele waren die Filme Solaris (basierend auf dem Roman des polnischen, aber auch in der Sowjetunion höchst beliebten Autors Stanislaw Lem) des Regisseurs Andrei Tarkowski von 1972 sowie Stalker (1979) vom gleichen Macher, diesmal nach dem Roman Picknick am Wegesrand des sowjetischen Autoren-Brüderpaares Arkadi & Boris Strugatzki, welche beide den Umgang mit der Entdeckung außerirdischen Lebens thematisierten.

Deutlich kurzweiligere Unterhaltung jedoch boten der Film Start zur Kassiopeia und seine Fortsetzung Roboter im Sternbild Kassiopeia aus den Jahren 1974 und 1975, die der Regisseur Ritschard Wiktorow inszeniert hatte und die vom gefahrvollen Raumflug einer Gruppe hochintelligenter Kinder handelten.

Ebenjener Ritschard Wiktorow war es auch, der 1980 basierend auf den Romanen Niija: Der künstliche Mensch und Engel des Kosmos des gleichfalls bekannten sowjetischen Autors Kir Bulytschew einen Film inszenierte, welcher bis heute als absoluter Klassiker des utopischen Kinos in seinem Herkunftsland gilt und der so wie die schon zuvor genannten so einige Aspekte enthält, die man durchaus auch im Star Trek-Universum wiederfinden kann.

Worum geht’s?

Im 23. Jahrhundert (!!!) hat die Menschheit ihre internen Konflikte überwunden und widmet sich der friedlichen Erforschung sowohl ihres eigenen Planeten als auch des Weltraums. Das Forschungsraumschiff Puschkin unter dem Kommando des Wissenschaftlers Sergej Lebedew (Uldis Lieldidz, Special Destination Force) entdeckt eines Tages ein außerirdisches Raumfahrzeug unbekannter Herkunft, in dem sich eine Vielzahl toter geklonter Humanoiden befindet.

Einzig eine junge Frau (Jelena Matjolkina, später zu sehen in der sowjetischen TV-Serie Der Gast aus der Zukunft), die außer an ihren Namen Niija keinerlei Erinnerungen mehr besitzt, ist noch am Leben. Die Besatzung der Puschkin nimmt Niija mit zur Erde und Lebedew bringt sie zu sich nach Hause zu seiner Mutter (Jelena Fadejewa, Leap Year) und seinem Sohn Stepan (Wadim Ledogorow, Roboter im Sternbuld Kassiopeia), um ihr durch das Leben in völlig normalen Verhältnissen eventuell zurück zu ihren Erinnerungen zu verhelfen.

Nach verschiedenen Anfangsschwierigkeiten kann Niija sich an ihre neue Umgebung gewöhnen, wenngleich sie darunter leidet, ein Forschungsobjekt für die Wissenschaftlerin Professor Ivanova (Nadesha Semenzowa, Mein Freund, der Matrose) zu sein. Auf der anderen Seite jedoch fühlt sie sich zunehmend zu dem jungen Stepan hingezogen, der kurz davor steht, seine Raumkadetten-Ausbildung zu beginnen. Während eines gemeinsamen Besuches am Strand triggert Ivanova per Fernsteuerung einen bestimmten Bereich von Niijas Gehirn, wodurch sie nach einem Sturz ins Meer die Erinnerung an ihren Heimatplaneten zurückerlangt.

Beim Besuch gemeinsam mit ihrer Ziehgroßmutter an einer archäologischen Grabungsstätte, an der außerirdische Hinterlassenschaften entdeckt wurden, wird ihr vollends bewusst, dass sie vom weit entfernten Planeten Dessa stammt. Wie es der Zufall will, ist gerade eine Gesandtschaft von dort auf der Erde gelandet, um deren Bevölkerung um Hilfe für ihre notleidende Welt zu bitten.

Niija schleicht sich an Bord des Raumschiffes Astra, das nach Dessa entsandt wird und auf dem auch der frischgebackene Kadett Stepan und Professor Ivanova Dienst tun, und nach einigen Irrungen und Wirrungen, in deren Verlauf Niija mehr über die Umstände und Gründe ihrer Erschaffung erfährt, gelangen sie und ihre neuen Freunde nach Dessa: Der Planet ist eine einzige Umweltkatastrophe und steht unter der despotischen Herrschaft des bösen Industriellen Turanchok (Wladimir Fjodorow, Ruslan und Ljudmila), der keinen Wert auf das Ende der Katastrophe legt, da er sich an ihr bereichert…

Sozialistische Sternenwelten

Hand aufs Herz: Für unsere westlichen Sehgewohnheiten wirkt Die Frau aus dem All (der Originaltitel des Films, Cherez ternii k zvyozdam lautet übersetzt übrigens Per Aspera Ad Astra (»Durch das Raue zu den Sternen«, für die Veröffentlichung in den USA erhielt er den sinngemäß ähnlichen Titel To the Stars by Hard Ways, was ein Zitat aus ihm ist, beziehungsweise den Alternativtitel Humanoid Woman) überaus ungewöhnlich, erst recht in der heutigen Zeit mit ihren vielen auf Tempo und Action bedachten Hollywood-Produktionen.

Denn er ist weder das eine noch das andere: Weder Hollywood noch Action. Die Frau aus dem All nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte anzubahnen, streng genommen dient dem seine gesamte erste Hälfte. Wir lernen Niija kennen, die – ganz Alien – anfangs absolut nicht mit dem für sie absolut fremdartigen Leben auf der Erde zurechtkommt und erst durch ihre Freundschaft, später Verliebtheit zu Stepan sowie dessen gütige Großmutter die menschliche Seele kennenlernt.

Zwar spielt der Film nicht explizit in einer Sowjetunion der Zukunft, doch legen vielerlei genannte Namen und Orte dies nah, wobei natürlich äußerste Schönfärberei betrieben wurde: Das Familiendomizil der Lebedews etwa mit seinem dauernörgelnden Hausroboter wirkt ähnlich utopisch wie die Privatbehausungen, die man im Roddenberry’schen Universum so zu sehen bekommt und dürfte nur wenig mit russisch-sowjetischen Wohnverhältnissen der späten 70er- und frühen 80er-Jahre gemein haben; aber dafür ist das Ganze schließlich Science-Fict…Pardon, Utopie.

Es versteht sich von selbst, dass die gezeigte Zukunftswelt in Die Frau aus dem All eine sozialistische ist, anders hätte kein sowjetischer Filmemacher der damaligen Zeit sein Werk auf den Markt bringen können. Doch wirkt das Ganze insgesamt nicht wirklich unglaubwürdig, da es sich dabei wie bereits mehrmals erwähnt um eine Schilderung einer fernen Zukunft handelt, in der sich die Menschen durchaus entsprechend gewandelt haben könnten.

Auch, dass starres kapitalistisches Denken und Streben letztendlich die Ursache für den Niedergang des einstmals paradiesischen Planeten Dessa gewesen sind, ist keine echte Überraschung; Kritik an dieser westlichen Pseudo-Gesellschaftsform ist von jeher fester Bestandteil des filmischen Schaffens aus dem sozialistischen Osten. Die ungewöhnliche weißblonde Kurzhaarfrisur von Hauptdarstellerin Jelena Matjolkina entwickelte sich nach dem höchst erfolgreichen Kinostart in der Sowjetunion zum ausgesprochenen Modetrend für junge Frauen und bestimmte lange Zeit das Straßenbild.

Ungewöhnliche Machart & verschiedene Versionen

Die Trickeffekte des von Gorky Film Studio bei seinem Kinoeinsatz verliehenen Films können es ebenfalls zwar nicht mit Star Trek (zumindest den Kinofilmen) und Star Wars aufnehmen, sind jedoch summa summarum durchaus ansehnlich geraten, wenn man bedenkt, dass für sie vermutlich lediglich ein verschwindend geringer Bruchteil des entsprechenden Budgets der beiden genannten Franchises aufgewendet werden konnte.

Dementsprechend geht der Film relativ sparsam mit ihnen um und Weltraum- und andere Trickeffektsequenzen sind vergleichsweise selten. Allerdings stehen diese auch nicht im Vordergrund der nicht immer leicht zu folgenden Handlung: Dieser ist unschwer anzumerken, dass sie auf zwei verschiedenen Büchern des populären sowjetischen utopischen Schriftstellers Kir Bulytschew basiert; mitunter bekommt der Zuschauer den Eindruck, es handele sich bei dem Film um einen Zusammenschnitt zweier einzelner Teile, was jedoch nicht der Fall ist: Die Frau aus dem All kam im April 1981 ursprünglich in einer Gesamtversion mit einer Länge von 148 Minuten heraus.

Allerdings wurde der Film für die US-Fassung, die im Rahmen der Sci-Fi-Retro-Show Mystery Science Theatre 3000 (zwar eine Art SchleFaZ, jedoch ausschließlich für Science-Fiction-Filme, deren Status als Klassiker anerkannt wird) Ende Januar 1989 unter dem Titel Humanoid Woman im amerikanischen Fernsehen gezeigt wurde, um fast eine Stunde gekürzt.

25 Minuten kürzer hingegen war die 2001 unter der Regie des Sohnes des ursprünglichen Filmemachers, Nikolai Wiktorow herausgebrachte restaurierte Version des Films anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums: Dies geschah, um die ideologischen Bezüge herauszunehmen und die Handlung und damit die Dynamik des Films zu straffen.

Star Trek-Parallelen

Beabsichtigt waren diese Parallelen sicherlich nicht, da die Abenteuer des Raumschiffes Enterprise unter Captain Kirk (zur Entstehungszeit von Die Frau aus dem All noch die einzige Star Trek-Serie) erst viele Jahre später in Russland und der restlichen (ehemaligen) Sowjetunion zu sehen waren, aber an der Schilderung der Welt in dem Filmklassiker zeigt sich unschwer, dass die Träume der Menschen vor und hinter dem Eisernen Vorhang grundsätzlich die gleichen waren: Man wünschte sich eine friedlich vereinigte Welt, in der durch gerechte Aufteilung alle im Wohlstand leben konnten – Menschen sowie die bis dahin vielleicht mit dazu gestoßenen Außerirdischen.

So gibt es von diesen bei Weitem nicht so viel zu sehen wie in den aufwändigeren westlichen Produktionen, doch wird deutlich, dass nichtmenschliche Lebewesen von anderen Planeten durchaus ein gewohntes Bild auf der Erde des 23. Jahrhunderts sind: So wird ein von einer Wasserwelt stammender tintenfischähnlicher Austausch-Wissenschaftler zu Beginn der Forschungsmission des Raumschiffes Astra zum Planeten Dessa wieder in seiner ozeanischen Heimat abgesetzt, und die Menschen helfen den Bewohnern der Heimatwelt Niijas mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der sich die Captains Kirk und später auch Picard und Konsorten mit ihren Crews für notleidende Planetenbevölkerungen einsetzen.

Allerdings finden sich keine charaktermäßigen Entsprechungen zu unseren geliebten Star Trek-Helden, da es machohafte Captains ebenso wenig gibt wie bärbeißige Bordärzte oder singende Kommunikationsoffizierinnen. Allerdings besitzt Niija durchaus eine gewisse Ähnlichkeit mit Spock, äußerlich jedoch noch eher mit T’Pol. Bei alledem spielen Nationalitäten in der (Parallel-) Zukunft des 23. Jahrhunderts aus Die Frau aus dem All Nationalitäten keine Rolle mehr, da sich das eingangs gezeigte wissenschaftliche Gremium aus Menschen internationaler Herkunft zusammensetzt.

Nein, das alles macht noch kein russisches Star Trek aus einem ungewöhnlichen Filmoldie. Aber es zeigt, dass man hinter den gut gesicherten Grenzen zumindest seitens der Menschen außerhalb der Politik vielleicht bei Weitem nicht so feindlich gesinnt war, wie es damals den Anschein hatte (und seit einiger Zeit heute wieder tut). Wer bereit ist für ein Weltraumabenteuer fernab der hiesigen Sehgewohnheiten, wozu es der Fähigkeit eines nicht unbeträchtlichen Blickes über den Tellerrand bedarf, der wird sicherlich viel Wahrheit in den alten Worten finden, dass einmal Gedachtes immer wiederkehrt.

Neu auf Blu-ray

Seit dem 8. Mai diesen Jahres ist die restaurierte Fassung des Films mit deutscher und englischer Synchronisation (leider fehlt aus unerfindlichen Gründen der russische Originalton, der für Kenner der Sprache sicherlich eine interessante Sache gewesen wäre) sowie verschiedensten Extras in limitierter Auflage beim rührigen Label Ostalgica (das bereits verschiedenste Filmklassiker neu für die Heimkinos herausbrachte) erschienen und kann vorzugsweise über den Internet-Fachhandel zum Preis von etwa 25 € bezogen werden. Mit der entsprechenden Vorbereitung und Bereitschaft verspricht die Scheibe einen interessanten Filmabend für spekulationsfreudige Trekkies!

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