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Jurassic World: Ein neues Zeitalter – Kritik: Dinos & Wiedersehen

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Pünktlich zum Start des neuen Dino-Streifens “Jurassic World: Ein neues Zeitalter” hat Sidney Schering sich seine Gedanken dazu gemacht.

© Universal Pictures

Als Michael Crichtons Roman Jurassic Park 1990 in den Buchhandel kam, konnte niemand ahnen, dass sich die Geschichte solch einen Weg bahnt: 1993 offenbarte sich Steven Spielbergs Verfilmung als globales Phänomen. 1997 setzte Spielberg den Stoff fort, 2001 reichte Rocketeer-Regisseur Joe Johnston einen dritten Teil nach. 2015 startete mit Jurassic World eine wirtschaftlich extrem erfolgreiche, von der Filmpresse aber bislang eher geschundene Sequel-Trilogie.

Regisseur Colin Trevorrow eröffnete die neue Epoche der Jurassic-Filme mit einer „Größer, schneller, bunter“-Variation des ersten Teils: Nicht etwa ein noch zu eröffnender Dinopark wird zum Schauplatz blutiger Unglücke, sondern eine im Betrieb befindliche Touristenfalle. Sieben Minuten nach Mitternacht-Macher J. A. Bayona schlug 2018 in Jurassic World: Das gefallene Königreich andere Pfade ein.

Sein Film lässt sich in zwei (ungleich lange) Hälften teilen: Erst Dino-Rettungsmission auf einer Insel, die durch einen ausbrechenden Vulkan dem Untergang geweiht ist, und wie das von einem Erste-Klasse-Regisseur inszenierte Remake eines vergessenen B-Movie-Abenteuers anmutet. Dann landen die Überlebenden in einem schaurigen, verwinkelten Anwesen, wo eine Gruppe ebenso ruchloser wie unvorsichtiger Schurken mit Dinosauriern handeln – was in Gothic Horror mündet, der nach Böse-Nacht-Geschichte-Logik operiert.

Jetzt sitzt erneut Trevorrow auf dem Regiestuhl und bringt die von ihm mitverfasste Sequelsaga zu einem epochalen Abschluss: Jurassic World: Ein neues Zeitalter ist mit 146 Minuten Laufzeit der längste Jurassic-Film und vereint Figuren der jüngsten Dino-Abenteuer mit der alten Garde aus Jurassic Park. Auch tonal versuchen sich Trevorrow und seine Schreibpartnerin Emily Carmichael (Pacific Rim: Uprising) an einer Kreuzung der bisherigen Jurassic-Arten – monströs-abenteuerliche Action, Horror, Popcorn-Vergnügen und die majestätische Wirkung von Flora, Fauna und zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dinos, DNA & derber Ernteausfall

Vier Jahre nach den Ereignissen aus Jurassic World: Das gefallene Königreich: Die Menschheit fühlt sich von den ausgebüxten Dinosauriern bedroht. Der Großkonzern Biosyn Genetics verspricht, eine Lösung zu finden, allerdings hat die zur Aktivistin gewordene, frühere Jurassic-World-Managerin Claire Dearing (Bryce Dallas Howard) ihre Zweifel daran. Auch Dr. Ellie Sattler (Laura Dern), eine Überlebende des allerersten Jurassic-Park-Vorfalls, glaubt, dass Biosyn finstere Pläne hat. Daher zieht sie ihren alten Weggefährten Dr. Alan Grant (Sam Neill) ins Vertrauen:

Gemeinsam wollen sie einen alten Bekannten ausquetschen, den neuerdings für Biosyn tätigen Chaostheoretiker Dr. Ian Malcom (Jeff Goldblum). Raptorenbändiger Owen Grady (Chris Pratt) wiederum muss mitansehen, wie Maisie Lockwood (Isabella Sermon) entführt wird – seine geklonte, aufmüpfige Ziehtochter, die er mit Claire vor der ihr feindlich gesinnten Welt beschützen wollte. Wenn sich all diese Wege kreuzen, wird sich entscheiden: Beginnt ein neues Zeitalter? Oder schlägt unser aller letzter Stunde?

Durch das Vereinen zweier Generationen an Jurassic-Figuren haben Trevorrow und Carmichael einige Bälle zu jonglieren. Und dann haben sie auch noch die Hybris, neue Figuren zu etablieren, etwa die Indiana Jones-Vibes versprühende, käufliche Pilotin Kayla Watts (DeWanda Wise). Mit diesem Figureninventar eine den Globus umspannende Abenteuergeschichte zu erzählen, und über eine weltweite Hungersnot zu spekulieren, die durch einen raffgierigen Großkonzern ausgelöst werden könnte, kommt dem Hochmut gleich, wie ihn die Wissenschaftler verinnerlichten, die auf die Idee kamen, Dinosaurier zu klonen.

Im Gegensatz zu den Kittelträgern, die völlig von den Konsequenzen ihres Handelns niedergetrampelt und zerfleischt werden, ergeht es Carmichael und Trevorrow besser. Sie erzählen die Verknüpfung der Jurassic-Fäden mit stabilem, zügigem Pacing: Obwohl der Film länger ist als seine Vorgänger, gibt es weniger Leerlauf als in sämtlichen Jurassic Park-Sequels. Das Positionieren der vielen Figuren gerät vergnüglich und (für Genreverhältnisse) plausibel, und wenn alle zusammentreffen, fällt keine der Figuren vom Tisch oder wird zu narrativem Ballast.

Zwar bleibt auf der anderen Seite die Magie aus, die die Experimente der Jurassic Park-Wissenschaftler für das Publikum bedeuteten, da Trevorrows und Carmichaels Jongliertrick die letzte, unerklärlich-zauberhafte Raffinesse fehlt, um mehr zu sein, als halt ein reiner Jongliertrick. Allerdings ist und bleibt es ein unterhaltsamer Jongliertrick – noch dazu mit einer echt denkwürdigen Passage!

UNESCO-Welterbe trifft prähistorische Predatoren

Der Höhepunkt von Jurassic World: Ein neues Zeitalter ist ein Abstecher nach Valletta, die Hauptstadt Maltas: Die pittoreske Stadt, die zum UNESCO-Welterbe ernannt wurde, ist in der Filmwelt Heimat eines gigantischen Schwarzhandelmarkts, wo illegal mit Dinosauriern gehandelt wird – und der zuweilen als Umschlagplatz für menschliche Entführungsopfer dient.

Allein schon der Schauplatz dieses Filmabschnitts versprüht immenses Flair. Ursprünglich sollte der überwältigende Großteil vor Ort gedreht werden, aufgrund der Corona-Pandemie setzte das Filmteam letztlich auf eine Kombination aus Second-Unit-Filmmaterial, minutiösen Nachbildungen der realen Schauplätze in einem britischen Studio, und digitalen Tricks, um Malta-Material und in England gedrehte Shots zu verschmelzen.

Das gelingt Trevorrow und seiner Crew weitestgehend nahtlos, weshalb die chaotisch eskalierende Action auf dem Schwarzmarkt und über ihn hinaus mit bildhübscher Architektur glänzt. Die Bildschere, durch das stilvolle Malta Uhrzeitmonster wüten zu sehen, die die Heldinnen und Helden wiederum in eine Hatz verwickeln, ist einfach köstlich. Insbesondere, weil die Action ein Looney Tunes-eskes Tempo aufweist – sowie mehrere gewitzt platzierte Suspense-Spitzen.

Das bedeutet einprägsame Filmmomente und denkwürdige Bilder, die die Malta-Passage zur besten Actionszene in allen Jurassic Park-Sequels macht. Dass der Rest des Films nicht mit diesem Höhepunkt mithalten kann, ist zwar schade – trotzdem ist der dritte Jurassic World ein respektabler Abschluss der sechsteiligen Dinosaga.

Etwas klobig und ungelenk, aber eindrucksvoll anzuschauen

So, wie auch einige der denkwürdigsten Dinosaurier aus den Jurassic-Filmen, sind die Dialoge in Jurassic World: Ein neues Zeitalter zwischenzeitlich etwas klobig und ungelenk: Exposition wird ebenso mit der Brechstange vermittelt wie moralische Erkenntnisse, und die selbstironischen Akzente (von denen es deutlich weniger gibt als in Jurassic World, aber deutlich mehr als in Das gefallene Königreich) durchbrechen die sonstige Tonalität des Films mit großer Wucht.

Aber alle Figuren sprechen in ihrem eigenen Duktus, spielen sich die Verbalbälle glaubhaft zu, und agieren obendrein mit einer stimmigen, kohärenten Charakterzeichnung. Dadurch ist es ein Leichtes, mit ihnen mitzufiebern, wenn sie sich durch die Schrecken der Dinowelt und Biosyns Taten kämpfen, oder auch einfach in interpersonellen Fragen an einem Strang ziehen müssen.

Die Dinosaurier wiederum sind dieses Mal allesamt paläontologisch verbucht – es gibt keine neu erdachten Monstersaurier wie in den letzten beiden Teilen! Visuell versucht sich der Film dabei an einer Balance aus dem gewohnten Echsenlook und dem Berücksichtigen der neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die buntere, gefiederte Tiere fordern. Ob die Waage mehr in die eine oder die andere Richtung hätte ausschlagen sollen, dürfte derweil eine sehr subjektive Frage sein.

Doch die Art, wie die Talente hinter den praktischen und den digitalen Tricks jedem Dino eigene, charakteristische Bewegungen verpasst haben, sollte in jedem Fall positiv ins Auge stechen. Da verzeiht man auch leichter ein paar wacklige Greenscreen-Passagen, in denen die Illusion „Wir sind wirklich vor Ort!“ eher Wunschdenken darstellt.

Eine Art Schlussstrich

Trevorrow sagte über Jurassic World: Ein neues Zeitalter, dass er der Ansicht ist, dass ein guter Jurassic-Film erzählerisch auch ohne Dinosaurier funktionieren sollte. Diese Überzeugung ist dem Trilogie-Finale anzumerken: Es geht im Film weniger darum, den Status quo der Filmwelt vollauf zu verändern. Stattdessen geht es darum, den wichtigsten menschlichen Figuren einen Schlussstrich zu ermöglichen – der dann eventuell Implikationen für die Welt um sie herum aufweist.

Es kann nicht schaden, dies im Hinterkopf zu haben, wenn man ein Ticket für den Film löst. Die nicht allzu facettenreichen, doch markanten und sympathischen menschlichen Figuren kommen an erster Stelle, ihr Action-, Thriller- und Horrorelemente aufweisendes Abenteuer an zweiter Stelle – und weil es ein Jurassic-Film ist, umfasst es halt auch Dinosaurier. Sie sind die gewisse Würze in der Ursuppe, nicht ihre Hauptzutat. Ob das laff oder harmonisch ist, entscheidet ihr am besten ab dem 8. Juni 2022 selbst im Kino!

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