Andere Welten

Nachruf: Zum Tod von Neal Adams

© Sixteen Miles Out, Unsplash

Zum Tod von Neal Adams erinnert Uwe Anton an den Künstler.

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In finstrer Nacht, am hellen Tag

entgeht mir keine böse Tat.

Wer Unrecht tut, der hüte sich

vor GRÜNER LEUCHTES Licht!

Neal Adams ist tot. Er verstarb am 28. April 2022 im Alter von 80 Jahren in New York an Organversagen als Folge einer Sepsis.

Geboren wurde Neal Adams am 15. Juni 1941 ebenfalls in New York. Die Stadt hat sein Leben stark beeinflusst. Sein Vater war Berufssoldat, und Adams wuchs in mehreren Militärstützpunkten in den USA und Deutschland auf. Nach der Rückkehr nach New York studierte er an der School of Industrial Art in Manhattan und machte dort 1959 seinen Abschluss. Unmittelbar danach versuchte er zum ersten Mal, in der Comic-Szene Fuß zu fassen, und sprach beim Verlag DC Comics vor. Dort lehnte man ihn jedoch ab.

Adams begann einen langen Marsch durch die Verlagsinstitutionen. Zu seiner ersten Veröffentlichung kam es eher durch Zufall: Er bewarb sich unter anderem auch beim Verlag Archie, für dessen Serie The Fly er ein paar Beispielseiten zeichnete. Zwar wurden sie ebenfalls abgelehnt, doch ein Verlagsmitarbeiter schnitt ein einziges Panel aus einer Seite aus und fügte es in das vierte Heft der Serie ein, um ein ziemlich schlecht geratenes Bild darin zu ersetzen. Mehr Glück hatte er mit den Humorserien des Verlags, für die er halb- und ganzseitige Seiten zeichnen durfte, für die er mit 32 Dollar pro Seite nicht gerade fürstlich entlohnt wurde.

Adams hatte Blut geleckt. Er ergatterte einen Job beim Zeichner Howard Nostrand, für dessen Zeitungsstrip Bat Masterson er drei Monate lang (für neun Dollar die Woche) Hintergründe schuf, ging dann in die Werbebranche und arbeitete für die Agentur Johnstone and Cushing, die sich auf Anzeigen im Comic-Stil spezialisiert hatte. 1962 zeichnete er Probeseiten für den geplanten Zeitungsstrip Ben Casey (nach der Krankenhausserie im Fernsehen) und bekam den Job. Der erste von Adams’ signierte Tagesstrip erschien am 26. November 1962. Adams blieb dreieinhalb Jahre bei Ben Casey.

Den nächsten bedeutenden Job bekam er beim Verlag Warren, der mit Eerie, Creepy und Vampirella großformatige schwarzweiße Horrormagazine veröffentlichte. Mit nur wenigen Beiträgen (hauptsächlich nach Stories von Archie Goodwin) etablierte er sich endgültig als Comic-Zeichner. Nun hatte er auch Erfolg bei DC: Als er sich 1967 dort erneut bewarb, bekam er Aufträge für Titelbilder. Binnen kürzester Zeit wurde er zu einem der wichtigsten und am häufigsten eingesetzten Cover-Artists des Verlags.

Die ersten Geschichten für Comic-Hefte folgten, und Adams Bedeutung für die Comicszene wurde immer größer. Er wurde zum ersten großen Erneuerer Batmans. 1966 bis 1968 war der Mitternachtsdetektiv Held einer Fernsehserie, die die sowieso nicht mehr besonders einfallsreichen Comic-Stories mit ihrem ausgeprägten Pop-Art-Stil stark beeinflusste. Auch der Comic-Batman war zu einer Figur verkommen, die sich mit Sidekick Robin vermeintlich witzige, in Wirklichkeit aber eher klugscheißende Sprüche zuwarf. Adams machte Batman (und die Zweitserie Detective Comics) mit wenigen Geschichten (praktisch ausschließlich vom Autor Dennis “Denny” O’Neil, der sich stets zu seiner gesellschaftskritischen Position bekannte) von 1969 an wieder zu einem rätselhaften, düsteren, bedrohlichen Geschöpf der Nacht und legte damit den Tonfall für die Stories der nächsten Jahrzehnte fest. Er holte Batman aus der Nische der Bedeutungslosigkeit, in die der Verlag DC ihn bugsiert hatte, aus der Ecke für den eher harmlosen Kinderkram mit lustigen, “humorvollen” und letzten Endes unerträglichen Stories, die sich an der Fernsehserie orientierten, und gab ihn der Nacht zurück, führte die Figur nicht nur zu den Ursprüngen zurück, sondern definierte sie neu, passte sie an die neue Zeit an.

Später hinterfragte er die Rolle des Helden immer deutlicher: Ist Batman ein Soziopath, dessen Leben ohne seine Gegenspieler bedeutungslos war? Schützt er mit seinem Kampf gegen das Verbrechen nur die altbekannte Gesellschaftsordnung, sprich den Reichtum von Bruce Wayne, seiner wahren Identität? Legt er nicht schon bedrohliche faschistoide Züge an den Tag, wenn er das Gesetz in die eigenen Hände nimmt, wie es ihm beliebt? Neal Adams stellte all diese Fragen zuerst und zeigte bei Batman eine ambivalente Neigung zur dunklen Seite auf. Mit seinem detaillierten, fließenden, atmosphärisch dichten Stil und ungewöhnlichen Perspektiven wurde die Fledermaus bei ihm zu einer bedrohlichen, geheimnisvollen Kreatur, der fast schon etwas Übersinnliches anhaftet. Seine Geschichten sind wahrhaft ikonisch.

Damit begann eine Entwicklung, die bis heute anhält. Auch wenn diese Comics fast 50 Jahre alt sind – Batman wird hier mit einer Meisterschaft dargestellt, die später kaum noch erreicht wurde. Sie fangen mehr von der Stimmung ein, die Batman auszeichnet, als es Generationen von Zeichnern vor und nach Neal Adams gelang. Hier zeigt sich eine Kreativität, wie man sie nur selten gesehen hat, und die Stories sind für die Zeit ihrer Entstehung durchaus hart und verspielt zugleich. Wer würde sich heutzutage trauen, einen missgebildeten Jungen mit Flossen statt Armen und Beinen zu zeichnen, wie Adams es getan hat? Nach fast fünfzig Jahren hat Neal Adams’ Batman nichts von seiner Wucht verloren, seiner grafischen Kraft, seinem Einfallsreichtum.

Es bleibt dahingestellt, ob der junge, aufstrebende Zeichner, der das amerikanische Comic-Book revolutioniert und bei DC Aufsehen erregt hatte, einfach nur umtriebig war oder tatsächlich eine neue Herausforderung suchte. Jedenfalls bewarb er sich auch beim Konkurrenzverlag Marvel, und Herausgeber Stan Lee akzeptierte sofort und bot ihm an, sich eine Serie auszusuchen. Adams entschied sich für die, die sich am schlechtesten verkaufte: die X-Men. Da die Einstellung der Serie kaum noch abzuwenden war, bekamen er und Autor Roy Thomas freie Hand, was ihre Arbeit betraf.

Thomas’ Stories für die Hefte 56 – 65, die Adams (außer Heft 64, einem Nachdruck) gestaltete, blieben eher konventionell, obwohl er mit Havok und Polaris zwei neue X-Men einführte. Es ging gegen den Superschurken Monolith, gegen die Sentinels, riesige Roboter, die darauf programmiert wurden, Mutanten zur Strecke zu bringen, oder gegen Dr. Lykos, der sich in die geflügelte Echse Sauron verwandeln konnte. Da musste man dann mitunter Sprechblasen wie “Nein! Niemals!” oder “Zu spät, Roboter!” lesen. Aber die Zeichnungen …! Adams löste von Anfang an den klassischen geraden Panel-Aufbau der Comic-Seiten auf, arbeitete mit diagonalen, runden oder dreieckigen Bildern, mit ungewöhnlichen Perspektiven oder ganzseitigen Panels mitten in der laufenden Handlung, die bis dahin praktisch der ersten Seite eines Comic vorbehalten waren. Hielt er sich anfangs noch zurück, wurde sein Strich von Heft zu Heft nicht nur sicherer, sondern auch mutiger. Mit seiner ersten größeren Arbeit bei Marvel festigte Adams seinen Ruf, zu den besten und eigenwilligsten neuen Zeichnern in der Branche zu gehören, den er später durchgehend bestätigte. Am Schicksal der X-Men konnte er jedoch nichts mehr ändern. Ab Band 67 erschienen keine neuen Geschichten mehr, nur noch Nachdrucke früherer Hefte. Erst spät stellte man fest, dass sich die Auflagenzahlen dank der Adams-Zeichnungen erholt hatten und so stark angestiegen waren, dass sich durchaus auch weitere neue Hefte rentiert hätten. Mit Uncanny X-Men 94, das kurz darauf herausgebracht wurde, begann nicht mehr und nicht weniger als eine neue Ära für den Verlag.

Nach der Einstellung der X-Men wandte Neal Adams sich gemeinsam mit Roy Thomas den Avengers zu, einer anderen Marvel-Serie, die Thomas schon seit geraumer Zeit schrieb, und erstellte mit ihm einen Handlungsentwurf für einen “kosmischen” Mehrteiler: den Krieg zwischen den außerirdischen Zivilisationen der Kree und der Skrull. Außer den Titelhelden mischten auch die Inhumans mit, und so viele Charaktere boten Adams natürlich die Möglichkeit, sie in immer wieder neuen, beeindruckenden Posen darzustellen. Überdies setzte er die grafischen Experimente fort, die er bei seinen X-Men-Heften begonnen hatte, und machte einen weiteren Schritt in seiner Entwicklung. Thomas’ Geschichte ist im Nachhinein nicht zuletzt so bedeutend, weil sie die Keimzelle für zahlreiche Entwicklungen darstellte, die das Marvel-Universum bis heute nutzt. Hier haben Thomas und Adams unwissend Grundlagenarbeit geleistet, die noch heute Nachwirkungen hat. (Man beachte nur die aktuelle Verfilmung der Inhumans.)

Noch bedeutender als die Batman-Geschichten sind jedoch die, die Adams (ebenfalls mit Denny O’Neil) ab 1970 für die DC-Serie Green Lantern schuf. Die erste Ausgabe des Teams (76) war anders. Da kommt plötzlich ein alter Schwarzer daher und blafft Green Lantern an: “Ich hab von Ihnen gelesen … wie Sie für die Leute mit der blauen Haut arbeiten … und wie Sie auf irgendeinem Planeten denen mit der gelben Haut geholfen haben … Und Sie haben auch was für die mit der lila Haut getan! Die einzigen, um die Sie sich nie gekümmert haben, sind die mit der schwarzen Haut. Ich frage Sie, wie kommt das? Beantworten Sie mir das, Mr. Green Lantern!” Woraufhin der Superheld eingestehen muss, dass er das nicht kann.

Für die damalige Zeit war das starker Tobak, und auch die weiteren Episoden blieben realitätsnah. Da wirft Green Lanterns Kollege Green Arrow dem Helden vor, ein Reaktionär zu sein, der für die Herrschenden arbeitet, ohne zu hinterfragen, was er tut. Da schießt sich der junger Held Speedy (der Ziehsohn Green Arrows) Drogen. Da brechen Green Lantern und Green Arrow zu einer Reise durch die USA auf, die letzten Endes zu einer Reise zu ihnen selbst wird. Dabei stoßen sie auf die Probleme, mit denen die Erde sich konfrontiert sieht: Umweltverschmutzung, Korruption, Überbevölkerung. Ganz zu schweigen von dem Rassismus, der schon im ersten Heft angesprochen wird. Bei Autor Denny O’Neil rannte Neal Adams mit dieser Sozialkritik offensichtlich offene Türen ein.

Der Einfluss, den Green Lantern 76 auf die Superhelden-Szene hatte, ist kaum zu unterschätzen. Als der Verfasser dieser Zeilen vor etwa 40 Jahren nach London fuhr, weil Neal Adams dort eine Signierstunde gab, war der Comic-Laden gerammelt voll. Mindestens 300 Besucher standen Schlange, um sich ihre Sammlerstücke signieren zu lassen und ein neues Portfolio des Zeichners zu erstehen. Neal Adams rollte, wie es seinem Status entsprach, in einem Rolls Royce vor und stieg unter dem frenetischen Jubel der Anwesenden aus der Luxuslimousine. 300 Besucher klingt viel, aber sie verliefen sich schnell in dem Ladengeschäft, und irgendwann ergab sich die Gelegenheit, mit dem Star des Events mehr als nur ein paar Worte zu wechseln. Fast eine halbe Stunde hat sich der werte Verfasser mit Neal Adams unterhalten können, ohne ein Messer in den Rücken zu bekommen, weil alle Anwesenden schon ihre Unterschriften auf die Sammlerstücke bekommen hatten. Mit typisch amerikanischer Übertreibung meinte Neal Adams, DC habe Unmengen von Green Lantern 76 gedruckt, er habe mindestens schon eine halbe Million Hefte davon signiert.

Bereits 1971 gründete Neal Adams gemeinsam mit dem Zeichner Dick Giordano die Continuity Associates, später bekannt als Continuity Studios. Das Studio erstellte hauptsächlich Konzepte für die Filmbranche und fungierte auch als Herausgeber für den 1984 von Adams gegründeten Verlag Continuity Publishing (später Continuity Comics), der – allerdings ohne durchschlagenden Erfolg – Serien wie Ms. Mystic oder Megalith publizierte und keine nachhaltige Bedeutung hatte.

In diese Zeit fiel auch Neal Adams’ Engagement für Jerry Siegel und Joe Shuster, die 1938 mit Superman den Archetypus aller Superhelden geschaffen hatten. Sie arbeiteten noch an der Serie, als sie den Verlag 1947 wegen der Rechte an Superman verklagten – erfolglos. Die Verträge sprachen eindeutig zugunsten des Verlags. Danach waren die beiden personae non gratae bei DC, bis Mitte der 1970er Jahre der erste Superman-Kinofilm angekündigt wurde und Jerry Siegel an die Öffentlichkeit ging. Er fand Unterstützung bei zahlreichen Comic-Schaffenden, darunter hauptsächlich Neal Adams, aber auch Zeichnern wie Jerry Robinson. Um eine schlechte Presse zu vermeiden, erklärte sich die Mutterfirma – mittlerweile der Konzern Warner Bros. – schließlich bereit, Siegel und Shuster eine jährliche Rente und eine Krankenversicherung zu zahlen.

Die Arbeit für seine Werbeagentur nahm Adams voll in Anspruch, und er machte sich rar bei den Comic-Verlagen, kehrte jedoch immer wieder zu ihnen zurück. Das Schwarz-Weiß-Magazin The Savage Sword of Conan erschien ab 1974 ohne die damals vorgeschriebene Prüfung durch den Comic-Code und konnte damit auch wesentlich härtere und (theoretisch!) freizügigere Adaptionen veröffentlichen. Bei der grafischen Darstellung von Gewalt war das kein Problem, bei der von Sex oder Nacktheit schnitt allerdings die Schere im Kopf der Macher zu. In der Adams-Adaption der Geschichte Shadows in Zamboula des Conan-Erfinders Robert E. Howard rettet der Barbar eine weiße und ziemlich nackte Frau vor einem Zauberer und dessen Helfern, die dem Kannibalismus frönen. Natürlich hat sie eine Frisur, die strategisch günstig fällt und verdeckt, was junge amerikanische Heranwachsende nach der natürlichen Nahrungsaufnahme in frühester Kindheit nicht mehr sehen dürfen. In der dänischen Albenausgabe beim Verlag Interpresse hingegen waren die Haare entweder viel kürzer oder folgten beim Fallen zumindest weitgehend den Gesetzen der Schwerkraft und verdeckten nichts. Die moralisch gesitteten Amerikaner hatten nichts gegen brutale Gewalt einzuwenden, nackte Brüste waren hingegen tabu und wurden im Comic überzeichnet oder mit trüben Schatten verwischt. In der dänischen Ausgabe hingegen radierte man nichts weg, sondern druckte Adams’ Original ab, das für die amerikanische Magazin-Ausgabe übermalt und damit entstellt worden war.

Adams’ Album Blood erschien ursprünglich als Fortsetzungsserie in dem amerikanischen Magazin Dark Horse Presents und beginnt wie ein Krimi: Der Held Blood rettet einen vom Mob gekidnappten Freund und hinterlässt zahlreiche Leichen in seinem Kielwasser. Action ohne Ende, bis Blood sich an die Vergangenheit erinnert und aus dem Thriller Science Fiction wird: Um die Zeitenwende sind Außerirdische auf die Erde gekommen und haben einige von ihnen zurückgelassen, die verhindern sollen, dass die Menschheit sich technologisch weiterentwickeln und ernsthaften Widerstand leisten kann, wenn sie in ferner Zukunft zurückkommen werden, um die Erde zu erobern. Einer von ihnen förderte jedoch die Kultur und Entwicklung, und die anderen mussten feststellen, dass von ihnen angezettelte Kriege die Menschheit zwar eine Zeitlang, aber nie auf Dauer dezimiert, den technischen Fortschritt jedoch stets angekurbelt haben.

Eine hochinteressante Ausgangsbasis, zwar nicht neu, aber mit jeder Menge Potenzial, zumal dann noch ein wenig Supermenschentum hinzukommt und der Held sich als unsterbliches Überwesen erweist. Grafisch ist das umwerfend gut. Alles, was Neal Adams berühmt und zum absoluten Star-Zeichner der amerikanischen Comics gemacht hat, findet sich in diesem hervorragend aufgemachten Buch wieder. Die Geschichte hingegen … nach dem ersten Band konnte man noch nicht sagen, wohin sie führen und wie sich alles zusammenfügen sollte. Die nötigen Erklärungen bleiben den folgenden Bänden überlassen – die nun nicht mehr erscheinen werden. Aber Blood ist auf jeden Fall ein Fest für die Augen.

Auch bei Batman meldete sich der Altmeister des Genres zurück. Allerdings schrieb Neal Adams seine neuen Serien nun selbst, und das wurde zu einem Problem. Mit Odyssee verfasste er im Alleingang eine dreizehnteilige Batman-Serie, über deren Sinn und Qualität noch heute gestritten wird. Sie war schlicht und einfach etwas … merkwürdig. Auch bei Batman vs. Ra’s al Ghul griff Adams nicht nur zur Feder, sondern auch in die Tastatur, und das Ergebnis ist … nun ja, genauso merkwürdig. Immerhin weiß Adams, dass Action für Batman unerlässlich ist, ist beginnt direkt mit einer Actionszene, die sich dem Leser allerdings nicht so ganz erschließt. Da prügelt sich Batman mit einem alten Mann, der Dynamitstangen an seinem süßen kleinen Hund befestigt hat. Batman obsiegt, der vom Dynamit befreite Hund leckt den alten Mann ab. Es ist klar, was der Künstler uns sagen will, aber das kommt doch ziemlich plump daher.

Genauso verworren geht es weiter. Immerhin stellt sich allmählich heraus, dass sich der widerwärtige Erzschurke Ra’s al Ghul zum Beschützer von Gotham aufschwingen will. Das ist nicht nur wirr, das ist auch schlecht geschrieben. Neue Charaktere tauchen stets dann auf, wenn die Handlung zu erlahmen droht und eine Wendung braucht. So erscheint just im rechten Augenblick Boston Brand alias Deadman, eine Art Geist, der Lebende übernehmen kann, und überbringt wichtige Enthüllungen, die die Handlung natürlich vorantreiben. Und Bruce Wayne sieht alledem staunend zu. Ja, schon klar, Wayne ist Batman, anscheinend aber auch nicht. Als Wayne dann noch in eine andere Dimension gerät und dort “leiden” muss, gerät die Geschichte – falls das überhaupt noch möglich ist – vollends aus den Fugen.

Bei diesen beiden Serien merkt man Neal Adams sein Alter mittlerweile an – nicht nur bei den befremdlichen Stories, sondern auch den Zeichnungen. Sein Strich ist gröber und dicker geworden und nicht mehr so fein ziseliert. Seine Markenzeichen – ungewöhnliche Perspektiven, aus den Panels ragende Figuren oder Körperteile – sind noch vorhanden, wirken aber eher routiniert als innovativ oder zeichnerisch interessant. Macht der Gewohnheit eben, Adams zeichnet nun einmal so und wiederholt sich. Wirklich schlimm ist, dass sich die Handlung merklich zieht und unnötig verschwommen ist. Der Leser verliert nicht nur schnell den roten Faden, sondern auch das Interesse. Mit seinem Alterswerk setzte Neal Adams den Ruf aufs Spiel, den er sich als genialer Zeichner erarbeitet hatte.

Erwähnenswert sind noch zwei Beiträge zu Jubiläumsausgaben. In Detective Comics 1000, einer Jubiläumsnummer, die pünktlich zum Achtzigjährigen des Mitternachtsdetektivs erschien, kehrte auch Neal Adams mit einer kurzen Geschichte aus dem wohlverdienten Unruhestand zurück. Man merkt Adams’ neueren Stories an, dass er seinen Zenit schon überschritten hat und dem Medium keine neuen Impulse mehr geben kann. Sie erstarren in Routine. Comics bilden im Idealfall eine Synthese aus Wort und Bild, bei der die Summe des Ergebnisses größer ist als die der einzelnen Teile, und das ist bei diesen neuen Geschichten nicht mehr der Fall. Das gilt auch für seinen Beitrag in Action Comics – 80 Years of Superman, einem Band, der einen umfassenden Überblick über die Karriere des wohl bekanntesten amerikanischen Superhelden präsentiert.

We Spoke Out: Comic Books and the Holocaust schließlich, 2018 von Craig Yoe herausgegeben, zeigt wieder einmal Neal Adams’ soziale Ader. Der Band enthält eine sechsseitige Story von Adams, die die Geschichte von Dina Gottliebova erzählt. Sie überlebte das Konzentrationslager Auschwitz, weil sie für Josef Mengele Porträts von Opfern seiner Experimente anfertigen musste. Das polnische Auschwitz-Museum weigerte sich, der Künstlerin diese Gemälde zurückzugeben, und Adams wollte diesem Fall damit eine gewisse Öffentlichkeit verschaffen.

Schon zu Lebzeiten erwiesen Neal Adams Kollegen dem Zeichner und Autor Respekt. Zum Beispiel Liam Sharp, der mit unglaublich sicherem Strich neue Abenteuer von Green Lantern inszenierte und die mitunter bizarren Einfälle des Texters Grant Morrison grafisch kongenial umsetzte. Manche Einzelbilder, vor allem Darstellungen des Gesichts der Green Lantern, sehen aus, als hätte Adams selbst sie gezeichnet. Wenn Green Lantern vor einem modernen abstrakten Gemälde steht und fragt: “Ist das Bild von Neal Adams?”, ist das eine Würdigung, der man sich nur anschließen kann.

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