Andere Welten

Bücherecke: Arkadi und Boris Strugatzki: Stalker

© Heyne

Birgit Schwenger entdeckt für die Bücherecke den Science-Fiction-Klassiker “Stalker” in neuer Übersetzung.

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Dreizehn Jahre nachdem Außerirdische sechs verschiedene Stellen – die sogenannten Zonen –  auf der Erde besucht haben, ist die Jagd auf ihre Hinterlassenschaften im vollen Gange. Für die Menschen sind Zweck und Funktion der außerirdischen Technologien nach wie vor rätselhaft, aber dennoch haben sie sich über die Jahre einige der Artefakte angeeignet und zum Teil sogar gelernt sie zu vervielfältigen. Von einigen gehen lebensgefährliche Effekte aus, weswegen des Betreten der Zonen nur ausgewähltem Personal des Internationalen Instituts für außerirdische Kulturen erlaubt ist.

Der Handel mit den Artefakten steht unter Strafe, alles, was in den Zonen entdeckt wird, soll ausschließlich dem Institut zur Verfügung stehen, das die Gegenstände und Anomalien zu wissenschaftlichen Zwecken und zum zukünftigen Nutzen der ganzen Menschheit erforscht. Das hält die wagemutigen Stalker – Schatzsucher und Schmuggler, die ihr Leben in der Zone aufs Spiel setzen, um mit der außerirdischen Technologie Geld zu machen – nicht davon ab, illegale lukrative Geschäfte mit Militärs, ausländischen Mächten und gierigen Geschäftsleuten zu machen.

Rätselhafte Artefakte und illegale Schatzsucher

Einer dieser Stalker ist der 23-jährige Redrick Shewhart, der schon sein ganzes Leben lang in dem kleinen kanadischen Städchen Harmont lebt, in dem vor 13 Jahren eine dieser Zonen entstand. Redrick, genannt Red, arbeitet als Laborant in der Harmonter Filiale des Instituts und verdient sich nebenher immer wieder Geld mit dem Schmuggel der Dinge, die er von seinen Trips in die Zone herausbringt. Doch bei einem dieser Trips, die er mit zwei Kollegen, relativen Neulingen in der Zone, macht, geht etwas schief. Fünf Jahre später ist Red verheiratet und hat eine Tochter, die wie alle Kinder der Stalker deutliche Spuren seiner Ausflüge in die Zone aufweist.

Deshalb wagt er nach wie vor die gefährlichen Expeditionen, um sich und seine Familie über Wasser zu halten und vielleicht ein Heilmittel für seine Tochter bezahlen zu können. Etliche der außerirdischen Gegenstände haben inzwischen ihre Verwendung im Alltag der Menschen gefunden, auch wenn sie höchstwahrscheinlich nicht ihrem ursprünglichen Zweck dienen. Das Institut und die Behörden versuchen nach wie vor, die Ordnung wiederherzustellen, aber Unglücksfälle mit den außerirdischen Hinterlassenschaften mehren sich – sei es bei wissenschaftlichen Experimenten, Versuchen, die Gerätschaften für militärische Zwecke zu nutzen, oder bei anderen Anwendungen, die Gewinn versprechen. Wieder andere Organisationen halten die seltsamen Dinge für Teufelszeug und wollen sie vernichten. Alles kann missbraucht und zum Schaden aller verwendet werden. Als es hart auf hart kommt, bricht Red zu einer allerletzten Mission in die Zone auf, von der sein weiteres Schicksal und das seiner Familie abhängt.

Die wichtigste Entdeckung, seit die Menschheit existiert

Das Buch beschreibt Lebensepisoden einiger Bewohner der Stadt Harmont, darunter das der Hauptfiguren, dem Stalker Red und dem Geschäftsmann Richard H. Noonan. Im Grunde dreht sich alles um die Frage, was der Besuch der Außerirdischen für die Menschheit bedeutet. Worauf läuft das alles hinaus? Kommen die Außerirdischen wieder? Woher kamen sie, was wollten sie auf der Erde und warum sind sie nur so kurz geblieben? Und spielt das alles überhaupt eine Rolle? Während Wissenschaftler argumentieren, dass das System der Menschheit als Ganzes viel zu stabil ist, als dass es durch die Entdeckung außerirdischen Lebens aus dem Gleichgewicht geraten könnte, kann doch niemand ausschließen, dass die Menschen irgendwann Dinge zu Tage fördern werden, die das Leben auf der Erde unmöglich machen werden.

An der Erkenntnis, dass es außerirdischen Leben gibt und die Menschen nicht allein im Universum sind, lässt sich jedenfalls nicht mehr rütteln – und damit geht auch die Besorgnis einher, dass die fremden Wesen wiederkommen und dann die Menschen in ihrem System nicht mehr brauchen könnten. Während der Wissenschaftler Pillman darauf vertraut, dass die menschliche Intelligenz in der Lage sein wird, die Kräfte der Welt zu nutzen, ohne sie dabei der Zerstörung preis zu geben, ist sich der Geschäftemacher Noonan da nicht so sicher. Er sieht aber wie Pillman die einzigartige Chance, die der Besuch den Menschen – zumindest theoretisch bietet –, nämlich mehrere Stufen der Erkenntnis auf einmal zu überspringen, sozusagen »eine Art Reise in die Zukunft der Technologie.«

Nur ein Picknick am Wegrand?

Vielleicht war der Besuch der Außeririschen aber auch nur ein »Picknick am Wegesrand« – so der Originaltitel des Romans, der erstmals 1972 in der Sowjetunion erschien und weltweit noch immer das populärste Werk der Brüder Strugatzki ist. Die Romane der russischen Brüder hatten in den 70er- und 80er-Jahren Millionenauflagen in der damaligen Sowjetunion, zu ihren großen Erfolgen zählen u. a. auch Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein oder Der Montag fängt am Samstag an.

Ihre Geschichten sind meist in den Weiten des Weltraums angesiedelt und beeinflussen auch heute noch viele SF-Autoren mit ihrem eigentümlich philosophisch-dystopischen Stil, wie z. B. Dmitri Glukhovsky mit seiner Metro 2033-Trilogie, in der die Stalker ebenfalls eine wesentliche Rolle spielen. Acht Jahre mussten die Strugatzkis bis zur Veröffentlichung des Romans gegen die Zensurbehörde kämpfen, dabei geht es in dem Roman vielmehr um philosophische Fragen, als versteckte Kritik am System der Sowjetunion, obwohl man zwischen den Zeilen natürlich auch das eine oder andere herauslesen kann.

»Der Mensch ist geboren, um zu denken! […| Keine Ahnung, wozu der Mensch geboren ist. […| Er sieht zu, dass er überlebt, ein jeder so, wie er eben kann. Hauptsache, wir sind gesund, sollen die doch alle verrecken. Wer sind wir? Und wer sind die? Das ist doch überhaupt nicht zu verstehen.«

Laut Boris Strugatzki störte sich die Zensur hauptsächlich am amoralischen Verhalten der Hauptfiguren, der vulgären Sprache und der Darstellung der Welt als grausam und aussichtslos. Für die jetzige Ausgabe, in Russland 2019 erschienen, wurden die zensurbedingten Änderungen rückgängig gemacht. Sie basiert auf den Arbeitstagebüchern der Autoren, die im Anhang auszugsweise enthalten sind. Die vorliegende Übersetzung von David Drevs, 2021 als Klappenbroschur im Heyne Verlag erschienen, entspricht der ursprünglichen von den Autoren verfassten Version und enthält umfangreiches Zusatzmaterial, wie das sehr unterhaltsame Vorwort von Wladimir Kaminer, in dem er beschreibt, wie die Veröffentlichung und Verteilung von Büchern in der Sowjetunion funktioniert hat und welche Rolle Buchhandlungen dabei gespielt haben (oder auch nicht).

Im Anhang enthalten sind ein aufschlussreicher Kommentar von Boris Strugatzki aus dem Jahr 2010, ein Auszug aus dem Arbeitstagebuch der Brüder zur Entstehung des Romans sowie die Kurzgeschichte Die Wunschmaschine, auf der der Film Stalker von Andrei Tarkowski aus dem Jahr 1979 basiert. Abgerundet wird die gelungene Neuausgabe mit einem interessanten Nachwort des Übersetzers Drevs sowie der SF-Expertin Elisabeth Bösl, das sich mit Stalker als multimedialem Phänomen beschäftigt.

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