Andere Welten

Bücherecke: Ursula K. Le Guin: Die linke Hand der Dunkelheit

© Tor

Für die Bücherecke stellt Birgit Schwenger “Die linke Hand der Dunkelheit”, den Science-Fiction-Klassiker in der gelungenen Neuübersetzung von Karen Nölle vor.

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Der Terraner Genly Ai kommt als Gesandter des Weltenverbundes Ekumen auf den Winterplaneten Gethen. Auf dem Planeten herrscht nach terranischem Verständnis ewiger Winter, denn selbst im Sommer liegt Schnee und die Temperaturen nur knapp über dem Nullpunkt. Schon gut ein Jahr ist Genly auf dem Planeten, hat aber den Eindruck, noch nicht wirklich Fortschritte erzielt zu haben. Endlich nun soll es zu einer Audienz mit dem König von Karhide kommen, einem der beiden großen Staatengebilde auf Gethen. Doch in der Nacht zuvor wird Estraven, sein bislang größter Unterstützer und oberster Minister des Königs, als Verräter verbannt.

Auch Genly fühlt sich von ihm verraten und beschließt schließlich sich dem Nachbarland Orgoreyn, dem zweiten großen Staat auf Gethen, zuzuwenden. Allerdings befindet es sich mit Karhide im Konflikt um ein Grenzgebiet, auf das beide Länder Anspruch erheben. Krieg ist auf Gethen nicht bekannt, aber als es zunehmend auch zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommt, glaubt Genly in der kommunistisch anmutenden Gesellschaft von Orgoreyn bessere Chancen auf ein Bündnis bzw. die Bereitschaft sich dem planetenumfassenden Austausch von Informationen und Wissen anzuschließen vorzufinden.

Doch er muss feststellen, dass er sich in vielem geirrt hat, dass sein Verständnis der Lebensweisen und Kultur auf Gethen bei weitem nicht ausreicht, um die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen. Auch sein eigenes Weltbild und Verständnis des Menschseins gerät ins Wanken und er fragt sich schließlich, ob seine Fehleinschätzung der Situation nicht vielleicht sogar seine ganze Mission gefährdet. Einzig Estraven, der zweiten Hauptfigur des Buches, und dessen unerschütterlicher Freundschaft, hat er es zu verdanken, dass vielleicht doch nicht alles verloren ist.

Epochales Meisterwerk

Das Epoche machende Science-Fiction-Meisterwerk von Ursula K. Le Guin, 1969 erschienen, ist heute aktueller denn je und liegt nun im Fischer TOR Verlag im Klappbroschür in der exzellenten Neuübersetzung von Karen Nölle vor, die bereits im letzten Jahr den Band Grenzwelten der Autorin neu übersetzt hat. Der Roman wurde 1979 sowohl mit Hugo als auch dem Nebula Award, zwei der angesehensten Preise für Science-Fiction-Literatur, ausgezeichnet, sowie 1987 von den Leser*innen Lesern des SF- und Fantasy-Magazins Locus zum zweitbesten Science-Fiction und -Fantasy Roman aller Zeiten gewählt.

Die linke Hand der Dunkelheit ist eine philosophische Geschichte über die Freundschaft, über Vertrauen, Verrat, das Verstehen von Anderssein und Akzeptanz. Heute als feministische Science-Fiction bezeichnet, musste sich Le Guin in den 70er Jahren noch den Vorwurf gefallen lassen, zu sehr männlichen Erzählmustern anzuhängen: Der wenn auch nicht ganz klassische Held der Geschichte ist ein Mann und betrachtet alles vorrangig aus seiner männlichen Perspektive.

Aber diese Erzählweise ist der damaligen Zeit geschuldet, in der das Genre von männlichen Autoren und Charakteren geprägt war. Letztlich überlässt Le Guin es den Leser*innen ihr Empfinden für die geschlechtlichen Rollen und Zuordnungen zu überprüfen. Die Gethener selbst sehen sich nicht als Männer oder Frauen, sondern allein als Menschen. Auch Genly lernt zu verstehen, dass seine Sichtweise womöglich nicht die einzig richtige ist, sondern das es auch andere und vielleicht sogar bessere gibt.

Androgyne Gesellschaft als Normalzustand

Genly muss sich eingestehen, dass ihn vor allem die Zweigeschlechtigkeit der Gethener irritiert. Es fällt ihm schwer, seine eigene, ausschließlich männlich geprägte Weltsicht außen vor zu lassen, so dass er seine Kontaktpersonen meist auch als männlich empfindet und sie als »er« bezeichnet. Die kulturellen Konventionen und Regeln einer vollständig gleichberechtigten Gesellschaft, deren Menschen zu 80 Prozent ihrer Lebenszeit Mann und Frau zugleich sind und nur für wenige Tage jeden Monat, wenn sie sexuell aktiv sind, das eine oder andere Geschlecht annehmen – durchaus nicht immer dasselbe – verwirren Genly.

Erst nach und nach beginnt er auch die weiblichen Aspekte der Gethener zu erkennen, wobei er zugeben muss, dass er selbst gar nicht so genau erklären kann, was auf seiner Welt eine Frau von einem Mann unterscheidet – abgesehen von den körperlichen Unterschieden.

Sowohl Genly als auch die Gethener verstehen einander nur schwer oder interpretieren die Bedeutung des Gesagten falsch. Es geht im Wesentlichen um unterschwellige Botschaften und die zugrundeliegenden Absichten, die sich hinter geregelten gesellschaftlichen Ritualen verbergen. Auch dass das Ekumen den Fortschritt und die Erweiterung des Wissens vertritt, während die Karhider daran nicht wirklich interessiert sind, erschwert den Austausch: Für die Karhider ist jedes neue Jahr wieder das Jahr Eins. An einer Weiterentwicklung in der Zukunft hat niemand wirklich Interesse.

Ungewöhnliches Gedankenexperiment

Ungewöhnlich erzählt und zunächst in der Form eines offiziellen Berichts begonnen, werden Mythen und Erzählungen des Winterplaneten – so der ursprüngliche deutsche Titel des Romans – sowie Auszüge aus Estravens Tagebüchern eingeschoben. Genly beginnt mehr und mehr sein Verhalten zu hinterfragen und seine Fehler zu reflektieren: Er wird vom distanzierten Beobachter zum direkt Beteiligten, vom Außerirdischen zum guten Freund und beginnt zu verstehen, was wahre Akzeptanz bedeutet.

Ein interessantes Gedankenexperiment, auf das man sich einlassen muss und unbedingt sollte. Auch die Frage, was genau die linke Hand der Dunkelheit ist, wird am Ende noch mit einer poetischen Erzählung beantwortet.

Bleibt zu hoffen, dass Fischer Tor sich auch weiteren von Le Guins Werken, wie z. B. Rocannon’s World oder The Dispossessed, annehmen und ihnen eine Neuausgabe mit neuer Übersetzung angedeihen lassen wird.

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