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What We Left Behind – Rezension der DS9-Dokumentation

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Wir beleuchten für euch die wunderbare Doku zu sieben Jahren “Deep Space Nine”.

© Paramount

Es war zu Beginn der ersten goldenen Phase des Trek-Franchises, als Paramount Rick Berman beauftragte, neben Star Trek: The Next Generation eine weitere Trek-Serie zu konzipieren. Ob man sich dabei von einem gewissen J. Michael Straczynski und dessen Idee zu Babylon 5 inspirieren ließ oder nicht, ist bis heute nicht gänzlich zu klären.

Fakt ist jedoch, dass man mit Star Trek: Deep Space Nine neue Wege beschritt, die Serie auf einer Raumstation ansiedelte, einen farbigen Captain wählte, Religion zu einem zentralen Handlungspunkt erklärte und insgesamt die heile Welt der USS Enterprise hinter sich ließ. Doch erst mit dem Aufstieg des Ira Steven Behr zum Showrunner sollte die Serie schließlich das werden, als was wir sie heute in Erinnerung behalten: Eine epische, zuweilen düstere, erstaunlich zusammenhängende Geschichte über Figuren im Ausnahmezustand, über das Bewahren von Werten und Moral in Krisenzeiten, über Familie und Freundschaft.

Keine Trek-Serie jonglierte mit einem ähnlich großen Cast, keine bot so viele Themen an und keine lieferte derart komplexe Antworten auf schwierige Fragen. Star Trek: Deep Space Nine war immer ein wenig anders, dabei aber eben auch meist erstklassig in Sachen Drehbücher, Dialoge, Offenheit und Vielfalt.

Umso erstaunlicher ist es, wie sehr insbesondere die Darstellerinnen und Darsteller damals offenbar darunter litten, dass ihnen ein großes Maß an Ablehnung zuteilwurde. So zumindest erklärt es uns der Einstieg des Werkes. Die Dokumentation hätte diesen negativen Tenor ehrlicherweise aber gar nicht nötig gehabt. Man inszeniert sich hier fast schon zu sehr als das ungeliebte Stiefkind, das man faktisch aber nicht ist und auch nicht war.

Vielmehr hat sich die Serie mit der Zeit und spätestens bis heute von allen damaligen Vorurteilen freigeschwommen, mit denen zudem auch jede Serie aus dem Franchise zu Beginn zu kämpfen hatte. So hätten sich dann auch bestimmt positive Stimmen aus der damaligen Zeit finden lassen, um das Bild abzurunden. Es ist jedoch eindeutig, was Behr hier versucht hat. Er schreit förmlich heraus, dass die Serie mehr Liebe verdient hätte. Ein wenig bemüht wirkt dies aber dann doch, da jeder weiß, wie stark sein Werk seit langer Zeit unter den Fans eingeschätzt wird.

Verständlich ist aber, dass man die Gedankenwelt der Beteiligten zumindest erwähnen wollte. Schließlich handelt es sich hier um einen Aspekt, der damals relevant war und nicht unter den Tisch fallen sollte.

Stimmengewirr

Doch worum geht es nun eigentlich? Die Dokumentation unter der Regie von Behr und David Zappone besteht primär aus Interviews mit Produktionsbeteiligten und Fans. Dazu gibt es neu bearbeitete Ausschnitte aus der Serie in HD und 16:9, einen Writer’s Room, der den Auftakt einer hypothetischen achten Staffel bespricht sowie kleine musikalische Einlagen und Spielereien. Im positiven Sinne dominiert wird das Geschehen dabei von Serienmacher Behr, der verschiedene interessante Einblicke in seine Gedankenwelt ermöglicht. Dabei lässt er auch durchaus Raum für Kritik, wenn er beispielsweise auf den fehlenden Mut eingeht, Garak als homosexuell zu outen.

Fehlender Mut steht jedoch auch bei einem anderen Thema im Fokus: Um den Ausstieg von Terry Farrell windet man sich nämlich leider herum. Zwar wird deutlich, dass es sich für alle Beteiligten um keine angenehme Sache gehandelt hat, Behr hätte hierzu aber gerne ein deutliches Statement aus seiner Sicht erfolgen lassen können. Insbesondere wenn man bedenkt, dass fast jede Geschichte zur Serie bereits mindestens einmal erzählt wurde, hätte sich hier die Möglichkeit ergeben, mit Halbwahrheiten aufzuräumen und den Fans etwas wirklich Neues zu berichten. Chance vertan!

Schade bleibt auch, dass sich Avery Brooks nicht mehr äußern wollte und nur durch ältere und sehr spärliche Interviews mit von der Partie ist. Das fällt zwar nicht unbedingt negativ auf, bleibt aber ein Wermutstropfen für die Fans des Schauspielers. Wie schön wäre beispielsweise eine Reunion mit allen Darstellern gewesen oder ein Treffen mit Seriensohn Cirroc Lofton? Schwamm drüber. Der gute Mann wollte nicht, das muss man akzeptieren.

Themen

Was die Inhalte der Serie angeht, beleuchtet die Dokumentation primär den Krieg gegen das Dominion, den afroamerikanischen Captain sowie verschiedene gesellschaftliche Aspekte, die damals noch als heiße Eisen durchgingen.

Zu kurz kommt dabei aber, wie sehr sich die Serie um die Entwicklung des riesigen Casts verdient gemacht hat, wie stark die unzähligen Einzelepisoden zu vielfältigen Themen waren und wie mutig man in letzter Konsequenz mit verschiedenen Sachverhalten umging. Star Trek: Deep Space Nine ist die reichhaltigste, abwechslungsreichste und vielschichtigste Trek-Serie, ein früher Fackelträger des seriellen Erzählens und leuchtendes Beispiel im SF-Sektor. Der Krieg wird daher in diesem Rahmen fast zu dominant dargestellt. Es handelt sich hier schlichtweg nicht um eine Kriegsserie! Sie hat sich vielmehr dadurch ausgezeichnet, dass man die Auswirkungen einer schwierigen Zeit auf die trekkigen Werte und Moralvorstellungen, sowie die Befindlichkeiten der Beteiligten auslotete und immer wieder auf den Prüfstand stellte. Das war vielleicht nicht der typische Roddenberry-Ansatz, sagte im Kern aber doch so viel über die Wichtigkeit der Ideale seiner Schöpfung aus.

Der Mythos “Kriegsserie” wird hier jedoch erstaunlicherweise ausgerechnet von den Machern erneut, unnötigerweise und vielleicht sogar unbewusst wiederbelebt.

Die achte Staffel

Ein wichtiges Element der Doku ist natürlich auch die erneute Zusammenführung einiger Autoren der Serie mit dem Ziel, den Auftakt einer hypothetischen achten Staffel zu skizzieren. Eine grandiose Idee, die viel Freude macht und den roten Faden der Doku liefert.

Dabei begann man das Brainstorming mit dem Gedanken, dass es zum heutigen Zeitpunkt möglich wäre, vollkommen frei eine Fortsetzung der Serie zu schreiben. Neben Behr nahmen an diesem Experiment die Autoren Ronald D. Moore, Hans Beimler, René Echevarria und Robert Hewitt Wolfe teil und erdachten eine Handlung, die in animierter Form dargestellt wird.

Ihr Setting mit einer veränderten Kira, die als Vedek die religiösen Geschicke ihres Volkes führt und dem Kult um Sisko ist nicht uninteressant. Die erneute Zusammenführung der Figuren durch einen Trick von Nog gelingt sogar ganz wunderbar und lässt sogar Fanliebling Vic Fontaine wieder auftreten.

Weniger überzeugend geriet aber die Verbindung von Kira zu den Jem’Hadar (für deren Ausarbeitung natürlich auch keine Zeit blieb) sowie einige sehr simple Kniffe bezüglich der anderen Figuren. Dass Nog beispielsweise sterben muss ist recht billig und hat nichts mit einer Unvorhersehbarkeit der Serie zu tun, mit der sich Behr an dieser Stelle rühmt. Dass Ezri und Julian als Ehepaar auf einem Schiff dienen (wie die Rikers), O’Brien immer noch auf der Erde an der Akademie lehrt, Worf sich mit Martok auf Kronos befindet, Molly zur Sternenflotte gegangen ist oder Garak einfach aus dem Nichts auf Bajor auftaucht, um Worf zu warnen, ist ebenfalls nicht gänzlich überzeugend. Dass dann noch Sisko im finalen Moment der Episode wieder auftaucht, darf fast schon als vorhersehbar bezeichnet werden.

Dennoch: Es macht Spaß, den Autoren bei ihrem Gedankenaustausch zuzuschauen. Man spürt förmlich die Magie und die Freude und auch die Frustration, als das Experiment viel zu schnell zu Ende geht.

Mit mehr Zeit und einem echten Auftrag hätte dieser Ansatz wahrlich das Potenzial zu etwas Großem. Hier stand der Spaß im Vordergrund, was vollkommen in Ordnung ist und uns viel Freude beschert. Vielleicht möchte CBS ja noch eine weitere Serie produzieren? Mr. Behr freut sich bestimmt über einen Anruf.  

Glorreich!

Man muss es schon zugeben: Die Dokumentation macht es uns nicht einfacher, mit der alten SD-Version der Serie zu leben. Vergleicht man die DVDs oder die Netflix-Version mit den hier neu bearbeiteten Szenen, wirkt es fast wie aus zwei verschiedene Welten. Mit einer vollständigen Neu-Bearbeitung könnte man der Serie ein neues Leben für eine ganz neue Zielgruppe schenken. Ob CBS diesem Wunsch vieler Fans irgendwann Taten folgen lassen wird? Aktuell ist es noch vollkommen unklar und nicht absehbar. Aufgrund der hohen Kosten sollte aber niemand zu viel Vorfreude entwickeln. Es wäre jedoch wirklich eine Schande, zwei komplette Trek-Serien (wenn man Star Trek: Voyager dazu nimmt) bis in alle Ewigkeit in der visuellen Vergangenheit zu belassen, wenn ein Update derartige Ergebnisse zu Tage fördern könnte.

Zwar wirken diverse Szenen auch in HD ein wenig soft, Auflösung und Farben sind jedoch über jeden Zweifel erhaben. Die große Kampfszene erreicht eine Plastizität, die fast schon schockierend ist, und verdeutlicht, wie gut die Macher damals gearbeitet haben. Die Kulissen sind nach wie vor eindrucksvoll, die Masken und Kostüme fallen ebenfalls nicht negativ auf und die Serie erhält insgesamt ein noch epischeres Grundgefühl.

Gold

Die besten Momente liefert das Werk allerdings im Kleinen. Wenn zum Beispiel zu Beginn Max Grodénchik alleine und am Ende mit seinen Kollegen singt, Andrew Robinson die Einleitung spricht, Ira Steven Behr von eben jenem Robinson später angerufen wird oder die Darsteller alte und teilweise harsche Briefe zur Produktion vorlesen, gehen die Macher in die Tiefe und bergen vielfältige Emotionen.

In der Summe ist What We Left Behind wunderbare, mitreißende Unterhaltung für Fans der Serie, bietet aber – wie vermutlich zu erwarten war – auch nicht viel Neues. Sie ist wie die Serie vielfältig, emotional, nachdenklich und humorvoll, aber sicher nicht perfekt. Dennoch sollte sich jeder Fan die Chance auf dieses Werk nicht entgehen lassen. Eine Träne kann man am Ende in jedem Fall verdrücken. Sei es, weil man die alten Helden wiedersehen durfte oder weil man schmerzvoll daran erinnert wurde, dass einige Dinge nur in der Vergangenheit existieren. Die Wurmlochwesen würden mir dabei sicher widersprechen.  

Fazit

Was wir vor nunmehr zwanzig Jahren zurückgelassen haben, ist eine wunderbare Serie, die viel einflussreicher war, als man damals ahnen konnte und nach wie vor zum Besten gehört, was innerhalb von Star Trek und im SF-Sektor allgemein jemals produziert wurde.

Die Dokumentation ist eine mehr als würdige Liebeserklärung, die uns an all das erinnert, wofür wir die Serie damals geliebt haben und sie auch weiterhin lieben werden. Dass sie dabei nicht immer tief genug gräbt ist zu verschmerzen. Die besten Dinge im Leben sind eben nicht perfekt, sondern sprechen Herz und Seele an. Daher gilt in Bezug auf Serie und Dokumentation eindeutig der Satz von Vic Fontaine: This one’s from the heart!

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf www.syfy.de und ist Eigentum von NBC Universal Global Networks Deutschland GmbH. Er wird mit freundlicher Genehmigung zur Verfügung gestellt.

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